Thesen zur radikalen Linken in Rostock und Umgebung

1. Ein Großteil dessen, was sich in dieser Region als radikale Linke versteht, wäre als „Antifa“ zu bezeichnen und würde sich wohl auch selbst so nennen.

2. Antifa meint dabei vor allem und teilweise auch ausschließlich gegen Neonazis zu sein. Weil man als Antifa jedoch ein Gesamtpaket gebucht hat, würde jeder Antifa der was auf sich hält auch noch anfügen, dass er natürlich auch gegen Rassismus ist und Kapitalismus ja auch irgendwie scheiße findet.

3. De facto bleibt die linke Mainstream-Praxis in Rostock und darüber hinaus in weiten Teilen Mecklenburg-Vorpommerns jedoch hauptsächlich auf Antifa-Aktivitäten beschränkt – eine Ausnahme von der Regel spielen dabei etwa die Aktivitäten von verschiedenen Antirassist_innen, die sich beispielsweise in der praktischen Flüchtlingsarbeit engagieren und vielleicht auch als Teil einer radikalen Linken zu verstehen wären bzw. sich wohl auch selber dazuzählen würden.

4. Bei den Glaubenskriegern der Antifa spielt zum einen ein klassischer Anti-Nazi-Aktivismus ein Rolle – am 1. Mai werden selbstverständlich Nazis „blockiert“, das restliche Jahr „Recherchen“ angestellt –, zum anderen reicht es jedoch auch für gefühlte sechs Tage die Woche vollkommen aus, in seiner alternativen „Zona Antifascista“ in Ruhe gelassen zu werden, sich „politisch“ in der linken Stammkneipe zu besaufen und sich gegenseitig auf die breiten Schultern zu klopfen und zu loben, wie gut man doch das „eigene Viertel“ im Griff hat und vor Nazis sauber hält. Mit anderen Worten: Identität geht vor Politik und jedes kleine bisschen Politik wird über Identität vermittelt.

5. Die einzelnen Antifa Gruppen bestehen größtenteils aus Männern und sind Männerbund-ähnlich organisiert, was sich gegenseitig bedingt.

6. Ebenso sind Frauen in den lokalen Locations stark unterrepräsentiert, was nicht daran liegt, dass es einfach weniger sich radikal links verstehende Frauen gibt, sondern an einem bestimmten Klima der omnipräsenten männlichen Dominanz.

7. Ob den männlichen Antifas das bewusst oder unbewusst ist, sei dahingestellt, jedenfalls sind sie nicht gewillt oder glaubhaft bemüht diesen Zustand zu ändern. Die Rollen sind verteilt: Männer laufen auf Demos vorne, denn es könnte ja gefährlich werden, Frauen, die nicht einfach nur irgendwo im mittleren oder hinteren Bereich mitlaufen wollen, müssen sich ihren Platz erst erkämpfen. Auch hier gibt es selbstverständlich wieder Ausnahmen von der Regel, denn auch einige wenige Frauen, die sich bereits im Vorfeld ihren Platz erkämpft haben, dürfen zuweilen sogar in den organisierten Männergruppen mitspielen.

8. Es ist nicht von ungefähr, dass die Praxis der Antifas fast ausschließlich auf Anti-Nazi-Aktivitäten beschränkt bleibt, sondern ergibt sich aus deren theoretischen Unfundiertheit. Zwar ist es absolut legitim und richtig, dass in Gegenden, in denen Neonazis offensiv in Erscheinung treten, sich gegen diese organisiert wird – Selbstschutz ist hier wohl das wichtigste Stichwort –, doch sollten die entsprechenden Aktivitäten immer auf ihre Relevanz und die Gefahr des Abgleitens dieser in eine Art Beschäftigungstherapie gegen Langeweile überprüft werden. In Städten wie dem Paradebeispiel Anklam wäre es beispielsweise wichtig und richtig, Antifa-Arbeit zu leisten und sich gegen jeden Versuch einer „national befreiten Zone“ zur Wehr zu setzen. In einer Stadt wie Rostock jedoch, in der man sich als weißer Antifa in der Regel (zumindest in den inneren und studentisch geprägten Stadtteilen) frei und ohne Angst vor Übergriffen bewegen kann, tritt in gewisser Weise eine Unfähigkeit zu Tage, die vormalige Kritik an den Nazis auf eine gesamtgesellschaftliche Ebene zu abstrahieren und die Warengesellschaft als Quelle von solcherlei Ideologien zu analysieren.

9. Antifa-Arbeit wird so vom Mittel gegen Nazis zum Selbstzweck: es geht letztlich nicht mehr darum den Nazismus an „seinen Wurzeln“ zu vernichten, sondern das personifizierte Feindbild „Nazi“ zu bekämpfen. Der Neonazi wird somit als Hauptfeind ausgemacht und verschleiert so als Projektionsfläche das eigentliche Problem, welches als ursächlich zu bekämpfen wäre: das falsche Ganze.

10. Seit dem Aufkommen des deutschen Staatsantifaschismus seit dem Jahr 2000 unter Gerhard Schröder und der Rot-Grünen Bundesregierung und dem „Aufstand der Anständigen“ sind Neonazis wohl endgültig in die gesellschaftliche Marginalität abgerutscht. Sie sind die Deppen vom Dienst, niemand in dieser Gesellschaft nimmt sie ernst. Selbst dort, wo die als demokratisch legitimierte „Volksvertreter“ in Parlamenten sitzen, werden sie nicht ernst genommen, zeitweise verspottet oder bei ihrer Arbeit behindert. Eine solche Haltung und Position erwächst jedoch nicht aus dem Wille zur Emanzipation, sondern stellt vielmehr eine Art Heimatschutzreflex innerhalb der postnazistischen Gesellschaft dar, die rassistisch, nationalistisch und antisemitisch wie eh und je ist. Antifas, die sich an die Seite eines genau solchen bürgerlichen Antifaschismus stellen, der einem immer wieder die Lüge vom „bunten statt braunen“ Standort Deutschland erzählt, machen sich selbst zum aktiven Teil dieser bürgerlichen Gesellschaft, die den Nationalsozialismus erst gebar.

11. Eine radikale Linke gibt es weder in Rostock noch in Mecklenburg-Vorpommern.

Die Thesen sind auch als Gastbeitrag in der Keep Dancing #2.72 erschienen.


31 Antworten auf „Thesen zur radikalen Linken in Rostock und Umgebung“


  1. 1 blubb 16. Oktober 2012 um 19:47 Uhr

    Eine Nachfrage, Kritik, was weiß ich habe ich dann doch.
    In These 8 schreibt ihr: „… In einer Stadt wie Rostock jedoch, in der man sich als weißer Antifa in der Regel (zumindest in den inneren und studentisch geprägten Stadtteilen) frei und ohne Angst vor Übergriffen bewegen kann…“.
    Diese These wirkt unendlich krass auf mich, was ist mit mir als weißer männlicher Antifa, wenn für mich ein Gefühl von Sicherheit, Angstfreiheit oder was auch immer in der Innenstadt nicht die Regel sondern die Ausnahme ist? Wer seid ihr, mir zu sagen, wie ich mich fühlen muss?
    Bin ich jetzt für euch nicht hart genug, weil ich auch öfter mal Angst habe? Oder bin ich selber Schuld, weil ich nicht der Regel entspreche?
    Bitte erklärt es mir…

  2. 2 kritische_r Prof 17. Oktober 2012 um 0:29 Uhr

    Es wird an keiner Stelle des Textes irgendwem gesagt, wie er_sie sich fühlen muss oder sollte. Daher kann ich nicht nachvollziehen wie du auf diese Frage kommst, aber vielleicht kannst du sie präzisieren? In dem von dir zitierten Teil wird lediglich die Behauptung aufgestellt, dass man sich als Weißer in der Rostocker Innenstadt frei vor Übergriffen bewegen kann. Wir bewegen uns hier also zunächst auf einer rein deskriptiven Ebene. Wenn du das anders siehst bzw. entgegen unserer Behauptung (begründet oder unbegründet) Angst hast, kann dir das wohl niemand streitig machen – nicht zuletzt, weil es sich hierbei um Subjektives, um Emotionen handelt.

    Wie du jedoch aus den Thesen herausliest, dass du, wenn du tatsächlich Angst hast, für uns „nicht hart genug“ oder „selber Schuld“ seist, bleibt mir vollkommen unklar und überrascht mich. Das sind alles Kategorien, die in dem Artikel überhaupt nicht vorkommen und sind daher für mich nur im Sinne einer Projektion erklärbar. Aber ich lasse mich gerne eines Besseren belehren. Kategorien, die einer Konstruktion von Männlichkeiten entspringen, wie eben „hart genug sein zu müssen“, hätten darüber hinaus im Übrigen in unseren Texten auch höchsten als Analysegegenstand eine Bedeutung, jedoch sicherlich nicht als normative Begriffe.

  3. 3 pejee 17. Oktober 2012 um 8:45 Uhr

    Was nichts daran ändert das eure Verballhornung der criticalwhiteness die ihr hier manchmal an den Tag legt, in unzutreffenden Beschreibungen resultiert.

    Gerade in dem Kontext um Antifa und Linke Subkultur, in dem sich diese „Thesen“ bewegen, machen diese Behauptung aus These 8 besonders wenig sinn.
    Es kann ja gut sein, das ihr euch frei bewegen könnt, das dürfte dann aber eher daran liegen, das ihr euch weder äußerlich noch durch euer Handeln als Antifas zu erkennen gebt und dadurch gar nicht in das Beuteschema der Nazis und rechten Schläger fallt.

  4. 4 blubb 17. Oktober 2012 um 9:32 Uhr

    Für mich schwingt das in der These mit, weil eure Behauptung/Beschreibung sich frei von Übergriffen bewegen zu können, eben auch den Zusatz „ohne Angst“ führt. Und mit dieser Kategorie schreibt ihr letztlich weißen Antifas vor, wie sie sich zu fühlen haben. Und dann schwingt für mich im Unterton auch mit, dass es für diese eine Kategorie geben muss.
    Von daher frage ich nochmal, wie kommt ihr dazu diese Aussage als etwas allgemeines zu beschreiben?

  5. 5 dummer bauer 18. Oktober 2012 um 8:38 Uhr

    Überschrift:
    Thesen zur radikalen Linken in Rostock und Umgebung.
    Es gibt keine radikale Linke, weder in Rostock noch in MV.
    Das Ende.

    Thesen zur Milchviehfütterung in Rostock und Umgebung.
    Es gibt kein Milchvieh, weder in Rostock noch in MV.

    macht das die Überschrift dann nicht obsolet?

  6. 6 Esra 18. Oktober 2012 um 12:07 Uhr

    2. Antifa meint dabei vor allem und teilweise auch ausschließlich gegen Neonazis zu sein. Weil man als Antifa jedoch ein Gesamtpaket gebucht hat, würde jeder Antifa der was auf sich hält auch noch anfügen, dass er natürlich auch gegen Rassismus ist und Kapitalismus ja auch irgendwie scheiße findet.

    Dass wirkliche allgemein gilt, dass Antifas „Kapitalismus für irgendwie scheiße erachten“ ist, in theoretischer Hinsicht richtig, nur leider messen sich daran keine tatsächlichen Ansprüche. Mal ganz davon abgesehen, dass vielen Antifas eine fundierte Kapitalismuskritik fehlt, soll es, man munkelt, auch Antifas geben, die kein Problem mit den Prinzipien kapitalistischer Verwertung zeigen, oder sich derer zumindest nicht einmal bewusst sind. Wer seine ganze Praxis in einen kapitalaffirmativen Kontext stellt, wird auch die bürgerliche Gesellschaft nicht in ihren Grundfesten erschüttern, sondern nur munter sich freuen, wenn es in ihr weniger Nazis gibt.

  7. 7 kritische_r Prof 19. Oktober 2012 um 10:50 Uhr

    @blubb

    …weil eure Behauptung … eben auch den Zusatz „ohne Angst“ führt. Und mit dieser Kategorie schreibt ihr letztlich weißen Antifas vor, wie sie sich zu fühlen haben.

    Das ist einfach kein gültiger Schluss. Wenn du das da trotzdem so rausliest, kann ich nur nochmal auf meine erste Antwort verweisen, in der ich deutlich mache, dass wir das nicht nur nicht sagen, sondern auch nicht so meinen.

    Und dann schwingt für mich im Unterton auch mit, dass es für diese eine Kategorie geben muss.

    Was meinst du damit? Ich verstehe nicht, auf was sich das „diese“ beziehen soll.

  8. 8 kritische_r Prof 19. Oktober 2012 um 11:03 Uhr

    @ Esra

    Ich bin mir nicht sicher, ob dein Beitrag nur Zustimmung oder auch Gegenrede sein sollte. Jedenfalls sollte ja u.a. genau das mit den Thesen ausgesagt werden:

    dass Antifas „Kapitalismus für irgendwie scheiße erachten“ ist, in theoretischer Hinsicht richtig, nur leider messen sich daran keine tatsächlichen Ansprüche.

    ---

    @ dummer bauer

    Ich weiß nicht, wie ernst ich deine Frage nehmen soll, aber ich mach mir mal trotzdem die Mühe, sie zu beantworten.
    Die Thesen entwickeln sich ja aus-einander und befragen einen Gegenstand. Dass am Ende die Negation der radikalen Linken in MV steht, heißt ja nicht, dass es die ganzen Leute, die sich als das verstehen, nicht gibt. Im Endeffekt ist dies nur die zugespitzte Formulierung dafür, dass ihr Anspruch „radikal Links“ zu sein, so nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmt. Warum dieser Anspruch unserer Meinung nach nicht an die Wirklichkeit reicht und was „radikal links“ zu bedeuten hätte, wird ja (zumindest negativ) in den Thesen beschrieben.

  9. 9 blubb 19. Oktober 2012 um 14:53 Uhr

    Okay, ich lasse mich darauf ein, mir vorzustellen, dass ihr es nicht meintet. Nicht aberkennen lasse ich mir meine Leseweise dieses Sachverhaltes und würde entsprechend darum bitten, dass ihr in Zukunft eure deskriptiven Behauptungen sensibler formuliert oder einfach mal anstatt über andere lieber über euch sprecht. Dann muss ich mir auch keine Gedanken darüber machen, ob ihr euch gerade erdreistet, mir meine Gefühlslage vorzuschreiben.
    Und ein weniger arroganter und selbstgerechter Tonfall würde euch sicherlich nicht schaden, denke ich…

  10. 10 rhizom 20. Oktober 2012 um 19:15 Uhr

    Warum sprecht ihr eigentlich von „Warengesellschaft“ und nicht von kapitalistischer Gesellschaft? Dass Dinge Waren sind, trifft doch das Spezifische des kapitalistischen Ausbeutungsverhältnisses noch gar nicht, nämlich den Antagonismus zwischen den Produktionsmittelbesitzern und dem doppelt freien Lohnarbeiter. „Warengesellschaft“ – das war schließlich auch die Antike. Oder, um mit Marx zu sprechen:

    Das Geld kann in dieser Form nur verausgabt werden, weil die Arbeitskraft im Zustand der Trennung von ihren Produktionsmitteln (einschließlich der Lebensmittel als Produktionsmittel der Arbeitskraft selbst) sich befindet […] Es ist nicht das Geld, mit dessen Natur das Verhältnis gegeben ist; es ist vielmehr das Dasein dieses Verhältnisses, das eine bloße Geldfunktion in eine Kapitalfunktion verwandeln kann. […] Auch der Kauf und Verkauf von Sklaven ist seiner Form nach Warenkauf und -verkauf. Ohne die Existenz der Slaverei kann Geld aber nicht diese Funktion vollziehen. Ist Sklaverei da, so kann Geld im Ankauf von Sklaven ausgelegt werden. Umgekehrt reicht Geld in der Hand des Käufers keineswegs hin, um Sklaverei zu ermöglichen. […] Es entspricht übrigens dem bürgerlichen Horizont, wo das Geschäftemachen den ganzen Kopf einnimmt, nicht im Charakter der Produktionsweise die Grundlage der ihr entsprechenden Verkehrsweise zu sehn, sondern umgekehrt. (Kapital, Bd. 2)

    Die Rede von der „Warengesellschaft“ oder der „Tauschgesellschaft“ (Adorno) scheint mir überhaupt nur einen Zweck zu verfolgen: von dem kapitalistischen Klassenverhältnis nicht mehr reden zu müssen bzw. es aus dem Fokus der eigenen Kritik zu nehmen. Da habt ihr mit der von euch kritisierten Antifa mehr gemein, als ihr denkt…

  11. 11 Johann 21. Oktober 2012 um 8:15 Uhr
  12. 12 rhizom 21. Oktober 2012 um 13:36 Uhr
  13. 13 kritische_r Prof 21. Oktober 2012 um 15:27 Uhr

    Die Rede von der „Warengesellschaft“ oder der „Tauschgesellschaft“ (Adorno) scheint mir überhaupt nur einen Zweck zu verfolgen: von dem kapitalistischen Klassenverhältnis nicht mehr reden zu müssen bzw. es aus dem Fokus der eigenen Kritik zu nehmen.

    Und immernoch gehst du mit den gleichen, langweiligen Beiträgen hausieren. Ja, die Welt weiß, dass du ein Ressentiment gegen Adorno pflegst – vielleicht hängt das ja irgendwie mit deinem Antizionismus und deinem Hass auf „die Antideutschen“ zusammen?

    Ich habe im Moment leider wirklich keine Zeit Gegenzitate von Marx in Stellung zu bringen. Aber wen darüber hinaus die angesprochene Debatte interessiert, kann auch in der Prodomo #5 und #6 reichlich Antworten auf den Text von Ingo Elbe finden:
    http://www.prodomo-online.org/ausgabe-5.html
    http://www.prodomo-online.org/ausgabe-6.html

  14. 14 rhizom 21. Oktober 2012 um 15:53 Uhr

    Hoho, Marx mit Marx widerlegen, wa?

    Also wenn Herr B. aus dem Nazifaschismus die Lehre zieht, sich von der Klasse abzuwenden, stattdessen essentialistische Kollektive wie „die Muslime“ konstruiert und dazu entsprechende Stürmer-Literatur verlegt, d.h. eine zum Kulturalismus modernisierte Rassenlehre an die Stelle der marxistischen Klassenanalyse setzt, dann zieh ich lieber keine Lehren als diese.

  15. 15 rhizom 21. Oktober 2012 um 16:14 Uhr

    Wem der Elbe-Text zu lang ist, kann sich übrigens gern auch eine Audio-Zusammenfassung seiner Thesen reinziehen. Für Leute, die mitreden wollen, ist das mehr oder weniger obligatorisch. Aber der*die kritische Prof hält ja schon die Tatsache, dass der Angegriffene geantwortet hat, für ein Argument. Ob seine Antwort die Vorwürfe widerlegt, spielt da gar keine Rolle. Hauptsache, man hat was zu verlinken!

  16. 16 Johann 21. Oktober 2012 um 17:23 Uhr

    ahh – guilty-by-association =), da es nicht umJ. Bruhm sagt muss es nun um Thomas Maul gehen?

  17. 17 Johann 21. Oktober 2012 um 18:39 Uhr

    an KP es müsste „da es nicht um J. Bruhm geht“ heißen, hab mich verschrieben.

  18. 18 kritische_r Prof 21. Oktober 2012 um 23:06 Uhr

    Aber der*die kritische Prof hält ja schon die Tatsache, dass der Angegriffene geantwortet hat, für ein Argument. Ob seine Antwort die Vorwürfe widerlegt, spielt da gar keine Rolle. Hauptsache, man hat was zu verlinken!

    Das ist nichts weiter als eine Mutmaßung. Und mit dem verlinken habe nicht ich begonnen, sondern lediglich die Sammlung komplettiert, um die Auswahl ausgewogener zu machen. Mehr werde ich zu dem Thema an dieser Stelle nicht sagen, schließlich geht es um etwas anderes. Und wenn du weiter nichts on topic beizutragen hast, aber trotzdem nicht still halten kannst, wäre es nett, wenn du die Diskussion via Mail weiterführen könntest. Oder noch besser: mach nen eigenen Blogeintrag daraus.

  19. 19 midnight 23. Oktober 2012 um 9:17 Uhr

    „Warum sprecht ihr eigentlich von „Warengesellschaft“ und nicht von kapitalistischer Gesellschaft? Dass Dinge Waren sind, trifft doch das Spezifische des kapitalistischen Ausbeutungsverhältnisses noch gar nicht, nämlich den Antagonismus zwischen den Produktionsmittelbesitzern und dem doppelt freien Lohnarbeiter. „Warengesellschaft“ – das war schließlich auch die Antike.“

    Ich würde das alles weniger inhaltlich sondern eher stylisch sehen. Jugendliche haben – auch und gerade in der subkultur – ein besonderes Bedürfnis nach Differenz. Und wenn alle anderen in deinem Umfeld immer nur halbe Sätze mit „Kapitalistisch“ und „Kapitalismus“ hinkriegen, möchten andere noch eine Ecke cooler erscheinen indem sie einfach „warenförmig“ und „Warengesellschaft“ sagen. Zumindest konnte ich aus den bisherigen Stellen, besonders auch im Fanzine selbst, an denen diese Begriffe auftauchten, nicht herauslesen, dass mit ihrer Verwendung eine genauere Beschreibung erfolgt wäre.

  20. 20 Johann 24. Oktober 2012 um 0:06 Uhr

    @ Kp als Trendsetter der Linken Szene?

    „Ein Trend (von engl. to trend ‚in einer bestimmten Richtung verlaufen‘ bzw. ‚drehen‘ oder ‚wenden‘[1]) ist ein Instrument zur Beschreibung von Veränderungen und Strömungen in allen Bereichen der Gesellschaft. Die Beschreibung und die Randbedingungen erlauben eine Aussage über die zukünftige Entwicklung. Mathematisch gesehen handelt es sich um ein Differential eines Wertes nach der Zeit.
    (…)
    Ein Trend ist eine neue Auffassung in Gesellschaft, Wirtschaft oder Technologie, die eine neue Bewegung bzw. Marschrichtung auslöst. Eine grundlegende Änderung (Umkehrung) eines Trends wird als „Trendwende“ bezeichnet. Die Einführer eines neuen Trends werden Trendsetter genannt, vor allem im Bereich der Mode.“
    http://de.wikipedia.org/wiki/Trend_%28Soziologie%29

    Aber mir ist bekannt das du das Buch von Micheal Heinrich hast, dort gibt es das kapitel: 3.1 wert,arbeit,geld – gebrauchswert, tauschwert und wert zu lesen ;
    „erst im kapitalismus wird der tausch umfassend und damit auch die warenform der güter. erst im kapitalismus nimmt daher der reichtm die form einer „warensammlung“ an und erst jetzt wird die einzelne ware zur „elementarform“ des reichtums.“
    kritik der politischen ökonomie, eine einführung – michael heinrich ; s 37

  21. 21 rhizom 24. Oktober 2012 um 7:25 Uhr

    „Geldwirtschaft ist aller Warenproduktion gemein, und das Produkt erscheint als Ware in den verschiedensten gesellschaftlichen Produktionsorganismen. Es wäre also nur der Umfang, worin das Produkt als Handelsartikel, als Ware produziert wird […], welche[r] die kapitalistische Produktion charakterisierte.

    In der Tat ist die kapitalistische Produktion die Warenproduktion als allgemeine Form der Produktion, aber sie ist es nur, und wird es stets mehr in ihrer Entwicklung, weil die Arbeit hier selbst als Ware erscheint, weil der Arbeiter die Arbeit, d.h. die Funktion seiner Arbeitskraft, verkauft […] In dem Verhältnis zwischen Kapitalist und Lohnarbeiter wird das Geldverhältnis, das Verhältnis von Käufer und Verkäufer, ein der Produktion selbst immanentes Verhältnis. Dies Verhältnis aber beruht der Grundlage nach auf dem gesellschaftlichen Charakter der Produktion, nicht der Verkehrsweise […]“ (MEW 24: 119 f.)

  22. 22 Ernst 24. Oktober 2012 um 19:41 Uhr

    Zur Frage nach dem Stellenwert sowie der Existenz von Ware-Geld-Beziehungen in der Vormoderne lohnt die Lektüre von Robert Kurz, Geld ohne Wert, Berlin 2012. Kurz vertritt darin die These, dass von Warenproduktion oder auch nur -zirkulation in vorkapitalistischen Sozietäten nicht Rede sein kann und dass auch das vormoderne „Geld“ einen gänzlich anderen, nämlich durch und durch sakralen, Charakter hatte.

  23. 23 rhizom 24. Oktober 2012 um 21:06 Uhr

    Das ist eine ziemlich gewagte Behauptung, wenn man bedenkt, dass in der Antike sogar ein Großteil der Menschen handelbare Güter waren. Das ganze moderne Zivilrecht (Kaufvertrag etc.) beruht auf gar nichts anderem als dem römischen Privatrecht, das im Rahmen des Sklavenhandels praktisch alle Kategorien entwickelt hat, mit denen heute noch gestritten wird. Auch nicht gerade ein Beleg für die pauschale Behauptung, dass von Warentausch in vorkapitalistischen Gesellschaften „nicht die Rede sein“ könne. Und wo jetzt das antike Geld („pecunia non olet“) einen sakralen Charakter gehabt haben soll, erschließt sich mir nicht ganz. Das hör ich hier zum ersten Mal.

    Die ganze diesbezügliche These von Robert Kurz ruht auf dem Buch von Karl Polanyi, Die große Transformation. Allerdings sind dessen Aussagen mit Blick auf die Antika unter Fachhistorikern längst in die Kritik geraten bzw. gründlich widerlegt worden. Link dazu liefere ich nach, wenn ich ihn gefunden habe…

  24. 24 rhizom 24. Oktober 2012 um 22:55 Uhr

    Nur ein Beispiel für die (jedenfalls im Vergleich zu Polanyi) neuere fachwissenschaftliche Diskussion über die Existenz integrierter Märkte in der Antike:

    Reger compares time-series of prices for a number of imported commodities (oil, perfume, papyrus, pitch). The price data are taken from from priestly inscriptions on the island of Delos dating to the Hellenistic period in the third and second centuries BC. The prices of the various commodities display markedly different patterns. This finding is understood by S&R (133-34) to undermine the view that the Hellenistic market was integrated (Reger 145). The assumption underlying this conclusion seems to be that economic integration requires prices to be determined by „general economic trends“/ „broader interregional developments“ meaning, apparently, that all prices must change in the same direction. Have S&R identified price inflation/deflation with economic integration? Obviously, integration across spatially distant markets is quite consistent with an unchanged general level of prices combined with pronounced changes in relative prices--i.e., perfume rises in price, oil prices decline. Indeed, such changes are commonplace in the contemporary economy and in no way indicate an absence of integrated markets.

    http://sondmor.tripod.com/index-23.html

  25. 25 midnight 01. November 2012 um 9:39 Uhr

    Oh hier gibts Leute die Polanyi kennen? Da hätte ich ein paar Fragen.

    Ich wohnte vor wenigen Tagen einem Vortrag über Polanyis „The great Transformation“ bei. Dort gabs ein paar Polanyi-Fans und einige grauhaarige die immer nur genuschelt haben „Was ist denn das für eine Beweisführung, fürchterlich!“.

    Nach vielem hin und her, wurde die Quintessenz präsentiert, Polanyi sei zwar nicht kompatibel zu Marx, hätte aber eine differenziertere Kritik am Markt bzw. an dem Konzept Markt überhaupt gehabt. Soweit okay. Desweiteren wurde aber ins Spiel gebracht, richtige Märkte gäbe es erst seit wenigen Jahrhunderten (so ca. 300 Jahre) und nicht schon länger. Was ich mir irgendwie nicht vorstellen kann (allerdings bin ich auch kein Marktspezialist). Was kann mensch davon halten?

    Und noch viel wichtiger, dort wurde Polanyis Konzept der Warenfiktion angesprochen und (verkürzt zusammengefasst) gesagt, das Elend sei erst so richtig über uns herein gebrochen als auch so elementare Dinge wie Arbeit und Boden und sogar das Geld selbst zu Waren gemacht worden seien. Diese „fiktiven Waren“ seien dann aber keine echten Waren, da man diese Dinge nicht zu Waren machen könne. Leider hatte ich keine Kohle um mir das passende Buch dazu zukaufen. Und diese Menschen wollten nicht erklären, was das Fiktive an ausgerechnet diesen Waren sei, während die anderen nicht fiktiv seien. Und vor allem, warum mensch Arbeit, Boden und Geld nicht zu echten Waren machen könne…

  26. 26 Johann 10. Dezember 2012 um 17:31 Uhr

    „Dass Linksradikale demokratischen Pluralismus vernünftigerweise ablehnen sollten, verschafft einen Vorteil: Faschismus ist eine Meinung und man kann ihn trotzdem bekämpfen. Anders als der Staat, der Nazis beschützt, weil sie eine Meinung äußern. Nicht zuletzt deshalb existiert Antifa als organisierter Selbstschutz. Dazu gehört, den Nazis gleich mehrere auf’s Maul zu geben, wenn die Chance dazu besteht – um ihnen die Begegnung mit Linken so unangenehm in Erinnerung zu halten, wie dem Hund die Steckdose, und als politisches Mittel. Denn anders als das tolerante Bürgerbündnis sind Linksradikale eben nicht an den sehr deutschen Pazifismus gebunden, der unterstellt, man mache sich mit den Nazis gemein, wenn man ihre Mittel verwende. Diese Vorstellung vergisst die menschenverachtende Ideologie, welche deren Gewalt zu Grunde liegt und beruht auf der einseitigen Ablehnung all jener Gewalt, die nicht vom Staat ausgeht.“
    http://www.extrablatt-online.net/archiv/ausgabe-5/jacob-plunder-bostek-blutend-am-boden-statt-blut-und-boden-.html

    ich weiß selbst nicht was ich vom artikel halten soll, aber ich wollte es mit euch teilen. Vielleicht sin da ein paar anregungen zu finden.

  27. 27 johann 26. Januar 2013 um 14:59 Uhr

    „Die Diskussion um den „Kapitalismus“ sowie auch der Begriff selbst sind allerdings keine originären Schöpfungen aus der Zeit der Jahrhundertwende. Allerdings ist der Ausdruck in der Semantik des „langen 16. Jahrhunderts“ (1492-1648) – der Entstehungszeit der modernen Gesellschaftsformation – noch nicht zu finden. Anders übrigens als der Begriff des „Kapitals“, der bereits im Mittelalter auftaucht und alsbald in die Sprache der Kaufleute Einzug erhält. Auch Denis Diderots 1750 begonnene Enzyklopädie enthält noch keinen Artikel zum „Kapitalismus“, obwohl Jean Jacques Rousseau bereits über „Ökonomie“ schreibt. Selbiges gilt auch für Adam Smith und David Ricardo – beide verfügen über keinen „Kapitalismus“-Begriff. Überdies muss angesichts der heutigen Geläufigkeit des Begriffs überraschen, dass dieser gerade bei demjenigen, der doch als der ultimative Kritiker des „Kapitalismus“ gilt, systematisch nicht gebraucht wird. Zwar heißt es aus der Feder Karl Marx’ im 1885 posthum von Friedrich Engels veröffentlichten zweiten Band des Kapitals, dass „der Kapitalismus (…) schon in der Grundlage aufgehoben (ist) durch die Voraussetzung, daß der Genuß als treibendes Motiv wirkt, nicht die Bereicherung“ (Hervorhebung D. L.). Dies aber bleibt in den drei Bänden des Kapitals die einzige Stelle, an der Marx expressis verbis vom „Kapitalismus“ spricht. Der Begriff taucht in seiner Analyse der Anatomie und Dynamik der, wie es bezeichnenderweise heißt, „kapitalistischen Produktionsweise“ nicht auf.“
    http://www.prodomo-online.org/ausgabe-2/archiv/artikel/n/die-erfindung-des-kapitalismus.html

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