Fragmentarische Gegenreden

Eine Reaktion auf eine Kritik an unseren Thesen zur radikalen Linken in Rostock und Umgebung.

* Zum Vorwurf des (Neo-)Konservativismus. Ja, richtig. Genau dies unterstellt uns der Autor OverTime. Ein Vorwurf, der zwar nicht besonders originell ist, da er einem bestimmten Teil der Linken immer wieder dazu dient, einen Gegenstand ohne Argumente zu kritisieren bzw. mit der lediglichen Belegung eines Wortes zu diskreditieren, um ihre Position zu stärken. Wäre allerdings wenigstens versucht worden an den Thesen nachzuweisen, wie und wo genau diese nun einen (neo-)konservativen Charakter besitzen, hätte man darüber streiten können. Mit dem Verweis darauf, dass die Thesen „wieder einmal Tabus gebrochen [hätten], die keine sind“ und daraus abgeleitet den Vorwurf des (Neo-)Konservativismus in den Raum zu werfen, ohne ihn weiter auszuführen, erschließt sich uns allerdings nicht. Es bliebe also an OverTime, das Argument nochmals auszubreiten.

* Interessant ist, dass zunächst der Vorwurf des Konservatismus erhoben wird, ein paar Sätze weiter dann jedoch indirekt der Status Quo affirmativ hingenommen wird. Die Thesen seien lediglich „Beschreibungen“ und damit „eher langweilig“ und „wenig zugespitzt“. Dass sie alleine daher falsch oder nicht wert sein sollen, ausgesprochen zu werden, da sie ‘das Übliche’ und ‘wohl Bekannte’ ansprechen, leuchtet nicht ein. Die in den Thesen als Missstände kritisierten Zustände werden als „Trivialitäten“ abgetan, die nicht wert seien öffentlich geäußert zu werden. Es müsste sich also eher OverTime die Frage gefallen lassen, ob nicht vielmehr er/sie als konservativ zu bezeichnen wäre, wenn er/sie glaubt, eine Kritik an einigen Ausdrucksweisen des falschen Ganzen als „Trivialitäten“ abtun zu können.

* Der/die Verfasser_in des Textes scheint nicht bemerkt zu haben, dass die Thesen aufeinander aufbauen und daher eben nicht mit These 8 hätte begonnen werden können. OverTime hätte sich offensichtlich gewünscht, dass der Text kürzer ausgefallen wäre („Warum also … ein langer Text verfasst worden ist, erschließt sich mir an dieser Stelle nicht“), um nicht alles vorherige lesen zu müssen, denn die Thesen würden zu „unspektakulär“ beginnen, „erst ab der achten These wird es interessanter“.
Das einzig „interessante“, was der/die Autor_in dann jedoch zur achten These zu bemerken hat, ist dass dazu ja auch folgender Satz aus dem Verfassungsschutzbericht 2011 passen würde: „Allerdings beweist die Szene des Landes damit erneut, dass sie nicht in der Lage ist, ihre Aktivitäten mit einer umfassenden Gesellschafts- und Systemkritik zu begründen“. Wie peinlich die Reflexionsausfälle des VS in der Regel auch sein mögen: dass er mit diesem Satz das Dilemma der „radikalen“ Linken in MV auf den Punkt bringt und an dieser Stelle mehr Analysefähigkeit beweist als die hiesige Linke über sich selbst, spricht nicht gegen unsere Thesen, sondern gegen die Linke. Aber diese Möglichkeit blendet OverTime gänzlich aus; die Schlussfolgerung lautet hingegen, dass lediglich die Thesen falsch sein könnten, da diese so sehr nah an der Analyse der „staatlichen Repressionsbehörden“ liegen würden. Dass hierin kein einziges Argument steckt, dafür aber jede Menge Ressentiment, dürfte bei genauerem hinsehen eindeutig sein.
Da es eher selten vorkommt, dass auch ein blindes Huhn wie der VS mal ein Körnchen findet, wollen wir, im Gegensatz zu OverTime, an dieser Stelle auch den treffenden Rest aus dem Verfassungsschutzbericht nicht vorenthalten. Dort heißt es weiter: „Daraus muss geschlossen werden, dass es der Autonomenszene des Landes nicht auf die Vermittlung von Zielen ankommt, sondern vielmehr auf die Ausübung fetischisierter Gewalt und die Einschüchterung des politischen Gegners.“ Diese Beobachtung können wir nur bestätigen, weshalb die Thesen auch in dieser Hinsicht weiterhin aktuell sind!

* Weiter zu These 8. Diese beginnt mit der Aussage, es sei „nicht von ungefähr, dass die Praxis der Antifas fast ausschließlich auf Anti-Nazi-Aktivitäten beschränkt bleibt, sondern ergibt sich aus deren theoretischen Unfundiertheit.“ Der/die Verfasser_in des Gegenvorschlags fragt sich dann im weiteren, woher die Behauptung der „theoretischen Unfundiertheit“ überhaupt komme und hält dagegen, dass das Fehlen eines „massiven Output[s] theoretisch-kritischer Schriften oder Magazine aus der Szene in MV“ noch kein hinreichender Beweis für einen „Theoriemangel“ sei. Das ist zwar richtig. In den Thesen wird die beklagte „theoretische Unfundiertheit“ jedoch keineswegs einfach an dem Fehlen eines solches Outputs festgemacht. Diese Diagnose stellt vielmehr die Schlussfolgerung aus den vorangegangenen 7 Thesen dar – wobei nochmals deutlich wird, dass die Thesen aufeinander aufbauen und in der letzten These kulmunieren. Alles, was OverTime lediglich für langweilige und unspektakuläre „bloße Zustandsbeschreibung“ hält, dient uns in den Thesen als ‘Beweisführung’ für die letzte These, es gäbe weder in Rostock noch in Mecklenburg-Vorpommern eine radikale Linke. Es stimmt sicherlich, dass sich einige Antifas in MV zeitweise ihren Kopf auch über theoretischen Fragen zerbrechen. Das Problem, was wir jedoch versucht haben aufzuzeigen, wird bereits in der 4. These angesprochen: „Identität geht vor Politik und jedes kleine bisschen Politik wird über Identität vermittelt.“ Dies gilt für die breite Mehrheit der selbsternannten radikalen Linken und in besonderem Maße für MV. Der stärkste Beleg für diese Behauptung ist und bleibt der Zustand dieser Linken, der eben in den Thesen dargestellt wurde.

* Unter der Unterüberschrift „Staat und Antifa – Hand in Hand?“ macht OverTime dann einen weiteren „Gegenvorschlag“: Dass Neonazis endgültig in die gesellschaftliche Marginalität abgerutscht seien, „mag für die meisten neonazistischen Organisationen und Personen im Großteil des Bundesgebietes zutreffen, aber gerade in Mecklenburg-Vorpommern leider nicht.“ In vielen Gegenden würde die NPD als normale Partei behandelt „und Neonazis gehören zum Alltag dazu“. Das ist richtig und genau deshalb schrieben wir auch, dass es in diesen Regionen und Städten „wichtig und richtig“ sei Antifa-Arbeit zu leisten „und sich gegen jeden Versuch einer ‘national befreiten Zone’ zur Wehr zu setzen.“ Allerdings plädieren wir auch dafür darüber hinaus zu gehen. „Antifa“ alleine bietet kein Potential zur Gesellschaftsveränderung, sondern kann lediglich regressiven Momenten innerhalb der jetzigen entgegenwirken.1 So scheint uns OverTime dann auch doch eher zur Seite zu springen und vergisst darüber seine Gegenrede. Er spricht vom rassistischen, deutschen Mob, „aus dem sich die Nazis rekrutieren“ und trifft damit einen Kernpunkt unserer Ausführungen und argumentiert in gewisser Weise sogar gegen seine vorherigen Sätze. Es sind eben nicht die Nazis, welche gesellschaftlichen Einfluss auf die sog. „Mitte der Gesellschaft“ ausüben und diese mit ihrer Menschenfeindlichkeit korrumpieren. Genau über dieses Verhältnis zwischen Neo-Nazis und postnationalsozialistischer Gesellschaft versucht Adorno aufzuklären, wenn er das Nachleben des Faschismus in der Demokratie als potentiell bedrohlicher erachtet, als die offen faschistischen Tendenzen gegen die Demokratie.

* Der letzte zentrale Kritikpunkt von OverTime ist, dass in den Thesen nicht definiert würde, was denn überhaupt eine „radikale Linke“ sei. „Ohne festgelegte Kriterien ist kaum nachzuvollziehen, worauf die Kritische Provinz hier hinaus will.“ Es folgen einige Ausführungen darüber, wieso der Begriff „radikale Linke“ eher zu dekonstruieren wäre („weil sich irgendwelche Leute dort Gemeinsamkeiten imaginieren, wo keine sind“). Hier werden einige richtige Dinge festgestellt, allerdings stellt sich die Frage, ob diese nicht besser hätten adressiert werden müssen. Der/die Autor_in schreibt: „Nur eine Überwindung und Dekonstruktion dieser Label würde die ‘Szene’ mal inhaltlich voran bringen und dafür sorgen, dass endlich Klarheit herrschen würde und mensch nicht mehr der Illusion nachlaufen würde, alle würden irgendwie dasselbe wollen und dasselbe meinen. Dies würde sicherlich zu einer massiven Spaltung führen, aber danach würden hoffentlich diejenigen zusammenarbeiten, die sich vorher über ihre inhaltlichen Gemeinsamkeiten unterhalten haben – und nicht einfach diejenigen, die dieselben Logos und Parolen nutzen.“
Wie können die Thesen überhaupt anders verstanden werden, als genau diese Kritik an der Dialektik von Label und gefühltem Inhalt? Wenn die 11. These ihre Wirkung nicht verfehlt hat, wie OverTime schreibt, dann doch nur, weil sie eben genau die selbsternannte „radikale Linke“ angreift, die sich als eben diese versteht und trotz des damit einhergehenden Selbstverständnisses, für „das Gute“, „den Kommunismus“ o.ä. zu stehen, zeitweise genau so regressiv ist, wie die Gesellschaft, die sie angeblich so scheiße findet.

by Kritische Provinz

Dieser Text wurde als Beitrag in der Keep Dancing #3.14 veröffentlicht.

  1. Vergleiche hierzu auch den Artikel „Basisbanalitäten eines provinziellen Antifaschismus“. [zurück]

1 Antwort auf „Fragmentarische Gegenreden“


  1. 1 Ex_Rostocker 26. August 2013 um 14:57 Uhr

    Woher der Vorwurf des Neokonservativismus kommt und wie er sich begründet würde ich auch gern mal erfahren, da geb ich dir recht. Er dient, genauso wie die Paralellenziehung zum VS, nur der Dislegitimation des Diskursgegners (vermute ich mal).
    Bei der Gelegenheit muss mensch aber auch kritisieren, dass der Autor dieses Textes ebenso stumpfe Mittel wählt den Gegner zu dislegitimieren. „OverTime hätte sich offensichtlich gewünscht, dass der Text kürzer ausgefallen wäre“ #Kindergartenniveau

    Ausserdem vermisse ich, auch in dem ursprünglichen Artikel, die Fähigkeit gegenüber der so genannten „Szene“ zu differenzieren. Das ein überwiegender Teil einer jeden Subkultur eher Anhänger_in der Identität der eigenen Szene als der Theorie ist, sollte dem wachen Beobachter nicht entgangen sein. Das liegt daran, dass Theorie im Gegensatz zu identitärer Symbolik eher Spaltungspotential mitbringt, als einendes Element zu sein. Und damit dass ein Großteil schlicht keine Lust hat sich mit Theorie auseinanderzusetzen. Das wird sich auch durch altkluge Blogeinträge nicht ändern. Nichdestotrotz gibt es auch in MV theoretische Auseinandersetzungen. Der Autor kann sich eigentlich gar nicht erdreisten, so über die gesammt Szene zu urteilen, da ihm die Kenntnis, wer sich mit alles mit Theorie auseinandersetzt qua natura fehlen dürften. Oder wurde sich mit jedem „Mitglied“ der Szene darüber unterhalten?

    Insgesammt hat die Debatte hier eher was belustigendes.

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