Archiv der Kategorie 'Kritik'

Flüstern und Schreien – und Maul halten

Dieser Text ist eine Reaktion auf das aktuell ausgesprochene Verbot, die neue Ausgabe der Rostocker Zeitschrift „Keep Dancing“ im Rostocker Infoladen „Flüstern & Schreien“ vorerst nicht auslegen und verbreiten zu dürfen. Als einzige Begründung dafür wurde unser Gastbeitrag „Thesen zur radikalen Linken in Rostock und Umgebung“ in eben jenem Heft angeführt. Damit sich jede_r ein komplettes Bild machen kann, haben wir die Thesen heute ebenfalls auf diesem Blog veröffentlicht.

Flüstern und Schreien – und Maul halten

Nachdem der Infoladen „Flüstern & Schreien“ aus Rostock beschlossen hat, die eigenen Räumlichkeiten von kritischen Gedanken rein zu halten und ein Verbot gegen das Verteilen und Auslegen der neuen Ausgabe des Zines „Keep Dancing“ auszusprechen, kann man sich schon fragen, wem dieser Infoladen denn eigentlich gehört. Ist ansonsten immer die Rede von kollektiven linken Orten, Freiräumen für alle1 oder auch von Basisdemokratie und Autonomie, muss auf Grund solcher Ereignisse immer wieder Gegenteiliges festgestellt werden: die Hausmeisterei, die sich an solchen Orten oftmals breit gemacht hat, hat meist nichts mehr mit den selbst gesteckten Ansprüchen, falls es diese jemals ernsthaft gab, zu tun. (mehr…)

Thesen zur radikalen Linken in Rostock und Umgebung

1. Ein Großteil dessen, was sich in dieser Region als radikale Linke versteht, wäre als „Antifa“ zu bezeichnen und würde sich wohl auch selbst so nennen.

2. Antifa meint dabei vor allem und teilweise auch ausschließlich gegen Neonazis zu sein. Weil man als Antifa jedoch ein Gesamtpaket gebucht hat, würde jeder Antifa der was auf sich hält auch noch anfügen, dass er natürlich auch gegen Rassismus ist und Kapitalismus ja auch irgendwie scheiße findet.

3. De facto bleibt die linke Mainstream-Praxis in Rostock und darüber hinaus in weiten Teilen Mecklenburg-Vorpommerns jedoch hauptsächlich auf Antifa-Aktivitäten beschränkt – eine Ausnahme von der Regel spielen dabei etwa die Aktivitäten von verschiedenen Antirassist_innen, die sich beispielsweise in der praktischen Flüchtlingsarbeit engagieren und vielleicht auch als Teil einer radikalen Linken zu verstehen wären bzw. sich wohl auch selber dazuzählen würden.

4. Bei den Glaubenskriegern der Antifa spielt zum einen ein klassischer Anti-Nazi-Aktivismus ein Rolle – am 1. Mai werden selbstverständlich Nazis „blockiert“, das restliche Jahr „Recherchen“ angestellt –, zum anderen reicht es jedoch auch für gefühlte sechs Tage die Woche vollkommen aus, in seiner alternativen „Zona Antifascista“ in Ruhe gelassen zu werden, sich „politisch“ in der linken Stammkneipe zu besaufen und sich gegenseitig auf die breiten Schultern zu klopfen und zu loben, wie gut man doch das „eigene Viertel“ im Griff hat und vor Nazis sauber hält. Mit anderen Worten: Identität geht vor Politik und jedes kleine bisschen Politik wird über Identität vermittelt.

5. Die einzelnen Antifa Gruppen bestehen größtenteils aus Männern und sind Männerbund-ähnlich organisiert, was sich gegenseitig bedingt.

6. Ebenso sind Frauen in den lokalen Locations stark unterrepräsentiert, was nicht daran liegt, dass es einfach weniger sich radikal links verstehende Frauen gibt, sondern an einem bestimmten Klima der omnipräsenten männlichen Dominanz.

7. Ob den männlichen Antifas das bewusst oder unbewusst ist, sei dahingestellt, jedenfalls sind sie nicht gewillt oder glaubhaft bemüht diesen Zustand zu ändern. Die Rollen sind verteilt: Männer laufen auf Demos vorne, denn es könnte ja gefährlich werden, Frauen, die nicht einfach nur irgendwo im mittleren oder hinteren Bereich mitlaufen wollen, müssen sich ihren Platz erst erkämpfen. Auch hier gibt es selbstverständlich wieder Ausnahmen von der Regel, denn auch einige wenige Frauen, die sich bereits im Vorfeld ihren Platz erkämpft haben, dürfen zuweilen sogar in den organisierten Männergruppen mitspielen.

8. Es ist nicht von ungefähr, dass die Praxis der Antifas fast ausschließlich auf Anti-Nazi-Aktivitäten beschränkt bleibt, sondern ergibt sich aus deren theoretischen Unfundiertheit. Zwar ist es absolut legitim und richtig, dass in Gegenden, in denen Neonazis offensiv in Erscheinung treten, sich gegen diese organisiert wird – Selbstschutz ist hier wohl das wichtigste Stichwort –, doch sollten die entsprechenden Aktivitäten immer auf ihre Relevanz und die Gefahr des Abgleitens dieser in eine Art Beschäftigungstherapie gegen Langeweile überprüft werden. In Städten wie dem Paradebeispiel Anklam wäre es beispielsweise wichtig und richtig, Antifa-Arbeit zu leisten und sich gegen jeden Versuch einer „national befreiten Zone“ zur Wehr zu setzen. In einer Stadt wie Rostock jedoch, in der man sich als weißer Antifa in der Regel (zumindest in den inneren und studentisch geprägten Stadtteilen) frei und ohne Angst vor Übergriffen bewegen kann, tritt in gewisser Weise eine Unfähigkeit zu Tage, die vormalige Kritik an den Nazis auf eine gesamtgesellschaftliche Ebene zu abstrahieren und die Warengesellschaft als Quelle von solcherlei Ideologien zu analysieren.

9. Antifa-Arbeit wird so vom Mittel gegen Nazis zum Selbstzweck: es geht letztlich nicht mehr darum den Nazismus an „seinen Wurzeln“ zu vernichten, sondern das personifizierte Feindbild „Nazi“ zu bekämpfen. Der Neonazi wird somit als Hauptfeind ausgemacht und verschleiert so als Projektionsfläche das eigentliche Problem, welches als ursächlich zu bekämpfen wäre: das falsche Ganze.

10. Seit dem Aufkommen des deutschen Staatsantifaschismus seit dem Jahr 2000 unter Gerhard Schröder und der Rot-Grünen Bundesregierung und dem „Aufstand der Anständigen“ sind Neonazis wohl endgültig in die gesellschaftliche Marginalität abgerutscht. Sie sind die Deppen vom Dienst, niemand in dieser Gesellschaft nimmt sie ernst. Selbst dort, wo die als demokratisch legitimierte „Volksvertreter“ in Parlamenten sitzen, werden sie nicht ernst genommen, zeitweise verspottet oder bei ihrer Arbeit behindert. Eine solche Haltung und Position erwächst jedoch nicht aus dem Wille zur Emanzipation, sondern stellt vielmehr eine Art Heimatschutzreflex innerhalb der postnazistischen Gesellschaft dar, die rassistisch, nationalistisch und antisemitisch wie eh und je ist. Antifas, die sich an die Seite eines genau solchen bürgerlichen Antifaschismus stellen, der einem immer wieder die Lüge vom „bunten statt braunen“ Standort Deutschland erzählt, machen sich selbst zum aktiven Teil dieser bürgerlichen Gesellschaft, die den Nationalsozialismus erst gebar.

11. Eine radikale Linke gibt es weder in Rostock noch in Mecklenburg-Vorpommern.

Die Thesen sind auch als Gastbeitrag in der Keep Dancing #2.72 erschienen.

Friedensbewegt as usual

Letzten Samstag (am 01. September 2012) fand auf dem Universitätsplatz Rostock eine Kundgebung statt, die vom Rostocker Friedensbündnis veranstaltet wurde. In deren Aufruf heißt es:

Am 1. September 1939 entfesselte das faschistische Deutschland mit seinem Überfall auf Polen den Zweiten Weltkrieg. Aus diesem Grund wird jährlich am 1. September der Weltfriedenstag begangen

Grund genug für das angebliche Friedensbündnis, sich an diesem Tag mit den autoritären Regimen in Syrien und Iran zu solidarisieren (und nebenbei gegen die Bundeswehr an Schulen und Hochschulen zu demonstrieren). Im Aufruf und auf der Kundgebung hieß es dazu: „Hände weg von Syrien und Iran!“ (mehr…)

Kommentar zur rostocker IWW-Gruppe

Am Anfang war ich einfach mal nur neugierig, was es wohl mit dieser neu gegründeten, angeblich revolutionären Gewerkschaft auf sich hat, die sich „Industrial Workers of the World“ (IWW) nennt und deren Anhängerinnen sich selbst ganz entzückend und selbstkosend „Wobblies“ nennen. Ich kannte diese Gewerkschaft noch nicht und war erstmal bedeckt-positiv gestimmt zu hören, dass diese ein explizit antikapitalistischer Zusammenschluss seien, auch wenn sie feste Mitgliedsausweise besitzen und regelmäßig finanzielle Beiträge zahlen müssen, wie in den großen Gewerkschaften eben auch. Man könnte sogar sagen, ich war gespannt wie sich der rostocker Ableger dieser IWW entwickeln würde, weil ich am Anfang ein kleines bisschen Hoffnung hatte, dass diese Gruppe eine erfrischende Abwechslung in das ansonsten sehr eintönig-antifaschistische platte Land bringen könnte. Dieses positive Interesse wurde dann noch verstärkt, als bald nach der Gründung (irgendwann Anfang diesen Jahres) eine inhaltlich vernünftig klingende Veranstaltung angekündigt wurde: eine Einführung in die Kapitalismuskritik. (mehr…)

Das Feindbild in den eigenen Reihen

Ein Kommentar zur beispielhaften Antiimperialismus-Doktrin der Rostocker Linksjugend [’solid]

Gruselige Sachen spielen sich immer mal wieder auf der ein oder anderen Homepage von irgendwelchen parteinahmen Jugendverbänden ab. So leider auch in Rostock und Mecklenburg-Vorpommern, wie beispielsweise im Fall der Linksjugend [’solid] Rostock. Dort nutzt man jede Gelegenheit um gegen den BAK Shalom1 – im O-Ton der „linken Zeitung“ Junge Welt – zu wettern und bemerkt dabei vermutlich nicht einmal, welch prototypischen Antiimperialismus man dabei vertritt: eine Ideologie, die sich die Welt nach simplen Erklärungsmustern zurecht legt und dabei nur Gut und Böse kennt. (mehr…)