kritische provinz http://kritischeprovinz.blogsport.de Kritische Stimme zur "Linken" in Rostock und Umgebung Tue, 28 May 2013 15:17:19 +0000 http://wordpress.org/?v=1.5.1.2 en Fragmentarische Gegenreden http://kritischeprovinz.blogsport.de/2013/05/28/fragmentarische-gegenreden/ http://kritischeprovinz.blogsport.de/2013/05/28/fragmentarische-gegenreden/#comments Tue, 28 May 2013 14:57:50 +0000 Kritische Provinz Allgemein Kritik http://kritischeprovinz.blogsport.de/2013/05/28/fragmentarische-gegenreden/ Eine Reaktion auf eine Kritik an unseren Thesen zur radikalen Linken in Rostock und Umgebung.

* Zum Vorwurf des (Neo-)Konservativismus. Ja, richtig. Genau dies unterstellt uns der Autor OverTime. Ein Vorwurf, der zwar nicht besonders originell ist, da er einem bestimmten Teil der Linken immer wieder dazu dient, einen Gegenstand ohne Argumente zu kritisieren bzw. mit der lediglichen Belegung eines Wortes zu diskreditieren, um ihre Position zu stärken. Wäre allerdings wenigstens versucht worden an den Thesen nachzuweisen, wie und wo genau diese nun einen (neo-)konservativen Charakter besitzen, hätte man darüber streiten können. Mit dem Verweis darauf, dass die Thesen „wieder einmal Tabus gebrochen [hätten], die keine sind“ und daraus abgeleitet den Vorwurf des (Neo-)Konservativismus in den Raum zu werfen, ohne ihn weiter auszuführen, erschließt sich uns allerdings nicht. Es bliebe also an OverTime, das Argument nochmals auszubreiten.

* Interessant ist, dass zunächst der Vorwurf des Konservatismus erhoben wird, ein paar Sätze weiter dann jedoch indirekt der Status Quo affirmativ hingenommen wird. Die Thesen seien lediglich „Beschreibungen“ und damit „eher langweilig“ und „wenig zugespitzt“. Dass sie alleine daher falsch oder nicht wert sein sollen, ausgesprochen zu werden, da sie ‘das Übliche’ und ‘wohl Bekannte’ ansprechen, leuchtet nicht ein. Die in den Thesen als Missstände kritisierten Zustände werden als „Trivialitäten“ abgetan, die nicht wert seien öffentlich geäußert zu werden. Es müsste sich also eher OverTime die Frage gefallen lassen, ob nicht vielmehr er/sie als konservativ zu bezeichnen wäre, wenn er/sie glaubt, eine Kritik an einigen Ausdrucksweisen des falschen Ganzen als „Trivialitäten“ abtun zu können.

* Der/die Verfasser_in des Textes scheint nicht bemerkt zu haben, dass die Thesen aufeinander aufbauen und daher eben nicht mit These 8 hätte begonnen werden können. OverTime hätte sich offensichtlich gewünscht, dass der Text kürzer ausgefallen wäre („Warum also … ein langer Text verfasst worden ist, erschließt sich mir an dieser Stelle nicht“), um nicht alles vorherige lesen zu müssen, denn die Thesen würden zu „unspektakulär“ beginnen, „erst ab der achten These wird es interessanter“.
Das einzig „interessante“, was der/die Autor_in dann jedoch zur achten These zu bemerken hat, ist dass dazu ja auch folgender Satz aus dem Verfassungsschutzbericht 2011 passen würde: „Allerdings beweist die Szene des Landes damit erneut, dass sie nicht in der Lage ist, ihre Aktivitäten mit einer umfassenden Gesellschafts- und Systemkritik zu begründen“. Wie peinlich die Reflexionsausfälle des VS in der Regel auch sein mögen: dass er mit diesem Satz das Dilemma der „radikalen“ Linken in MV auf den Punkt bringt und an dieser Stelle mehr Analysefähigkeit beweist als die hiesige Linke über sich selbst, spricht nicht gegen unsere Thesen, sondern gegen die Linke. Aber diese Möglichkeit blendet OverTime gänzlich aus; die Schlussfolgerung lautet hingegen, dass lediglich die Thesen falsch sein könnten, da diese so sehr nah an der Analyse der „staatlichen Repressionsbehörden“ liegen würden. Dass hierin kein einziges Argument steckt, dafür aber jede Menge Ressentiment, dürfte bei genauerem hinsehen eindeutig sein.
Da es eher selten vorkommt, dass auch ein blindes Huhn wie der VS mal ein Körnchen findet, wollen wir, im Gegensatz zu OverTime, an dieser Stelle auch den treffenden Rest aus dem Verfassungsschutzbericht nicht vorenthalten. Dort heißt es weiter: „Daraus muss geschlossen werden, dass es der Autonomenszene des Landes nicht auf die Vermittlung von Zielen ankommt, sondern vielmehr auf die Ausübung fetischisierter Gewalt und die Einschüchterung des politischen Gegners.“ Diese Beobachtung können wir nur bestätigen, weshalb die Thesen auch in dieser Hinsicht weiterhin aktuell sind!

* Weiter zu These 8. Diese beginnt mit der Aussage, es sei „nicht von ungefähr, dass die Praxis der Antifas fast ausschließlich auf Anti-Nazi-Aktivitäten beschränkt bleibt, sondern ergibt sich aus deren theoretischen Unfundiertheit.“ Der/die Verfasser_in des Gegenvorschlags fragt sich dann im weiteren, woher die Behauptung der „theoretischen Unfundiertheit“ überhaupt komme und hält dagegen, dass das Fehlen eines „massiven Output[s] theoretisch-kritischer Schriften oder Magazine aus der Szene in MV“ noch kein hinreichender Beweis für einen „Theoriemangel“ sei. Das ist zwar richtig. In den Thesen wird die beklagte „theoretische Unfundiertheit“ jedoch keineswegs einfach an dem Fehlen eines solches Outputs festgemacht. Diese Diagnose stellt vielmehr die Schlussfolgerung aus den vorangegangenen 7 Thesen dar – wobei nochmals deutlich wird, dass die Thesen aufeinander aufbauen und in der letzten These kulmunieren. Alles, was OverTime lediglich für langweilige und unspektakuläre „bloße Zustandsbeschreibung“ hält, dient uns in den Thesen als ‘Beweisführung’ für die letzte These, es gäbe weder in Rostock noch in Mecklenburg-Vorpommern eine radikale Linke. Es stimmt sicherlich, dass sich einige Antifas in MV zeitweise ihren Kopf auch über theoretischen Fragen zerbrechen. Das Problem, was wir jedoch versucht haben aufzuzeigen, wird bereits in der 4. These angesprochen: „Identität geht vor Politik und jedes kleine bisschen Politik wird über Identität vermittelt.“ Dies gilt für die breite Mehrheit der selbsternannten radikalen Linken und in besonderem Maße für MV. Der stärkste Beleg für diese Behauptung ist und bleibt der Zustand dieser Linken, der eben in den Thesen dargestellt wurde.

* Unter der Unterüberschrift „Staat und Antifa – Hand in Hand?“ macht OverTime dann einen weiteren „Gegenvorschlag“: Dass Neonazis endgültig in die gesellschaftliche Marginalität abgerutscht seien, „mag für die meisten neonazistischen Organisationen und Personen im Großteil des Bundesgebietes zutreffen, aber gerade in Mecklenburg-Vorpommern leider nicht.“ In vielen Gegenden würde die NPD als normale Partei behandelt „und Neonazis gehören zum Alltag dazu“. Das ist richtig und genau deshalb schrieben wir auch, dass es in diesen Regionen und Städten „wichtig und richtig“ sei Antifa-Arbeit zu leisten „und sich gegen jeden Versuch einer ‘national befreiten Zone’ zur Wehr zu setzen.“ Allerdings plädieren wir auch dafür darüber hinaus zu gehen. „Antifa“ alleine bietet kein Potential zur Gesellschaftsveränderung, sondern kann lediglich regressiven Momenten innerhalb der jetzigen entgegenwirken.1 So scheint uns OverTime dann auch doch eher zur Seite zu springen und vergisst darüber seine Gegenrede. Er spricht vom rassistischen, deutschen Mob, „aus dem sich die Nazis rekrutieren“ und trifft damit einen Kernpunkt unserer Ausführungen und argumentiert in gewisser Weise sogar gegen seine vorherigen Sätze. Es sind eben nicht die Nazis, welche gesellschaftlichen Einfluss auf die sog. „Mitte der Gesellschaft“ ausüben und diese mit ihrer Menschenfeindlichkeit korrumpieren. Genau über dieses Verhältnis zwischen Neo-Nazis und postnationalsozialistischer Gesellschaft versucht Adorno aufzuklären, wenn er das Nachleben des Faschismus in der Demokratie als potentiell bedrohlicher erachtet, als die offen faschistischen Tendenzen gegen die Demokratie.

* Der letzte zentrale Kritikpunkt von OverTime ist, dass in den Thesen nicht definiert würde, was denn überhaupt eine „radikale Linke“ sei. „Ohne festgelegte Kriterien ist kaum nachzuvollziehen, worauf die Kritische Provinz hier hinaus will.“ Es folgen einige Ausführungen darüber, wieso der Begriff „radikale Linke“ eher zu dekonstruieren wäre („weil sich irgendwelche Leute dort Gemeinsamkeiten imaginieren, wo keine sind“). Hier werden einige richtige Dinge festgestellt, allerdings stellt sich die Frage, ob diese nicht besser hätten adressiert werden müssen. Der/die Autor_in schreibt: „Nur eine Überwindung und Dekonstruktion dieser Label würde die ‘Szene’ mal inhaltlich voran bringen und dafür sorgen, dass endlich Klarheit herrschen würde und mensch nicht mehr der Illusion nachlaufen würde, alle würden irgendwie dasselbe wollen und dasselbe meinen. Dies würde sicherlich zu einer massiven Spaltung führen, aber danach würden hoffentlich diejenigen zusammenarbeiten, die sich vorher über ihre inhaltlichen Gemeinsamkeiten unterhalten haben – und nicht einfach diejenigen, die dieselben Logos und Parolen nutzen.“
Wie können die Thesen überhaupt anders verstanden werden, als genau diese Kritik an der Dialektik von Label und gefühltem Inhalt? Wenn die 11. These ihre Wirkung nicht verfehlt hat, wie OverTime schreibt, dann doch nur, weil sie eben genau die selbsternannte „radikale Linke“ angreift, die sich als eben diese versteht und trotz des damit einhergehenden Selbstverständnisses, für „das Gute“, „den Kommunismus“ o.ä. zu stehen, zeitweise genau so regressiv ist, wie die Gesellschaft, die sie angeblich so scheiße findet.

by Kritische Provinz

Dieser Text wurde als Beitrag in der Keep Dancing #3.14 veröffentlicht.

  1. Vergleiche hierzu auch den Artikel „Basisbanalitäten eines provinziellen Antifaschismus“. [zurück]
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Über die Rostocker Awiro-Linke und ihre autoritären Bedürfnisse http://kritischeprovinz.blogsport.de/2013/03/26/ueber-die-rostocker-awiro-linke-und-ihre-autoritaeren-beduerfnisse/ http://kritischeprovinz.blogsport.de/2013/03/26/ueber-die-rostocker-awiro-linke-und-ihre-autoritaeren-beduerfnisse/#comments Mon, 25 Mar 2013 23:55:51 +0000 Kritische Provinz Allgemein Kritik http://kritischeprovinz.blogsport.de/2013/03/26/ueber-die-rostocker-awiro-linke-und-ihre-autoritaeren-beduerfnisse/ Vorgeschichte
Im Oktober 2012 veröffentlichten wir einen Artikel in der zweiten Ausgabe des Rostocker Zines „Keep Dancing“. Unter dem Titel „Thesen zur radikalen Linken in Rostock und Umgebung“ wurde versucht den Zustand der Linken Szene aufzuzeigen.1 Als Reaktion darauf folgte prompt ein Auslege- und Weiterverbreitungsverbot im ansässigen Infoladen „Flüstern und Schreien“. Dieses blieb nicht unbeantwortet: Wir verfassten einen weiteren Text („Flüstern und Schreien – und Maul halten“), in welchem wir die Verbots-Politik des Infoladens angriffen und zugleich versuchten dieses Vorkommnis in den Kontext des allgemein in Rostock vorherrschenden Szeneklimas zu stellen bzw. dieses anhand des vorherrschenden Zustands der hiesigen Szene zu analysieren.
Das einzige, was wir aus heutiger Perspektive einräumen müssen, ist dass der Text unzureichend treffsicher adressiert wurde. Wie treffend er letztlich auf das gesamte Awiro-Umfeld übertragen werden kann und muss (sollen eben alle richtigen getroffen werden), stellte sich erst später heraus. Dies zeigte sich zum einen an der Reaktion des Awiro-Plenums auf einen weiteren Artikel, der in der Keep Dancing veröffentlicht wurde und zum anderen an den heftigen Reaktionen auf den neusten Blogeintrag eines unserer Mitglieder auf diesem Blog (siehe „Von der neusten Provinzposse eines linken Projektes“). Daher an dieser Stelle nochmal der explizite Verweis auf den genannten Text „Flüstern und Schreien – und Maul halten“, der, damals als Reaktion auf den Infoladen verfasst, heute Allgemeingültigkeit in Bezug auf Rostocks Antifa-Linke beanspruchen kann und daher im Nachhinein auch unbedingt als Kritik an dieser gelesen werden sollte: kritischeprovinz.blogsport.de/2012/10/12/fluestern-und-schreien-und-maul-halten

Awiro e.V. versus Keep Dancing
Nachdem ein ebenfalls in der zweiten Ausgabe der Keep Dancing erschienener Artikel auf dem Projekt-Blog online gestellt worden war, wurde die Redaktion des Zines zum nächsten öffentlichen Awiro-Plenum geladen, da man dort mit den Heft-Verantwortlichen angeblich über den offenbar als problematisch empfundenen Artikel sprechen wollte.
Auf dem Plenum wurde allerdings nicht über Inhalte gesprochen, geschweige denn überhaupt auf einen produktiven Austausch hingearbeitet. Es wurde lediglich konstatiert, dass der Text gefährlich sei; eine Abwägung der Argumente dafür oder dagegen fand nicht statt. Stattdessen wurde die vom Projekt „Keep Dancing“ anwesende Person unter starken Druck gesetzt und dieser mit Konsequenzen gedroht, sollte der Artikel nicht vom Blog verschwinden. Darüber hinaus sah sich die Person auf dem Plenum persönlichen Beleidigungen ausgesetzt. Aufgrund des erzeugten sozialen und psychischen Drucks – ein gefülltes Plenum redete aggressiv und unter Drohgebärden auf eine Einzelperson ein – und nicht etwa aufgrund der schlüssigen Argumente, wurde schließlich von der anwesenden Person zugesichert, den Artikel offline zu nehmen.

Awiro e.V. versus Kritische Provinz
Zuletzt veröffentlichten wir auf unserem Blog einen Text, der den allgemeinen Umgang des Awiro e.V. mit Kritik thematisierte. Eher beiläufig wurde dort in hämischer Weise auf die jüngsten Auseinandersetzung zwischen dem Awiro und Keep Dancing angespielt, indem ein paar Textstellen mit Sternchen (*) „zensiert“ wurde. Der_die Autor_in begründete das ganze mit folgendem Satz: „Aus szene-rechtlichen Gründen muss ich an dieser Stelle zum Zensurstift greifen und kann das Wort nicht ausschreiben.“ Dass der Awiro e.V. und seine Anhängerschaft das nicht ganz so lustig finden würden, war uns klar. Mit derart heftigen Reaktionen, wie sie uns seitdem von dieser Szene entgegengebracht wurden, hätten selbst wir allerdings nicht gerechnet. Es folgt eine Darstellung ausgewählter Vorkommnisse:

- Von verschiedenen Seiten wurde unserem Projekt die Zugehörigkeit zur „radikalen Linken“ abgesprochen. Wir seien unsolidarisch und befänden uns aufgrund persönlicher Differenzen, so die Mutmaßung, auf einem Rachefeldzug gegen Rostocks Linke. Daher würden wir jede Gelegenheit nutzen den Awiro e.V. in Schwierigkeiten zu bringen und ihm zu schaden. Wir würden daher eine Gefahr für die Szene darstellen und müssten ausgeschlossen werden.

-Wir wurden von verschiedenen Personen mit Nazis verglichen bzw. als Faschisten bezeichnet. Dies kann lediglich als Konsequenz eines extrem ausgeprägten Freund-Feind-Denkens verstanden werden. Der eigenen Logik folgend können die, die das Awiro öffentlich kritisieren nicht zum „eigenen Lager“ gehören. Sollte jemals ein anderer Anschein bestanden haben, muss dieser nun durch die krass entgegengesetzte Positionierung widerrufen werden: Die unliebsamen Kritiker_innen werden von heute auf morgen zu Feinden erklärt und konsequenter Weise mit Nazis gleichgesetzt bzw. in deren Nähe gerückt, die ja bekanntlich das extremste Hassobjekt der Linken darstellen. Der Widerspruch, der eigentlich hätte für Diskussionen und Fortschritt hätte fruchtbar gemacht werden können, wird so versucht einzuebnen. In dieses Schema passt auch der mehrfach geäußerte Vorwurf der „Anti-Antifa-Arbeit“, die wir als „Kritische Provinz“ angeblich betreiben würden.

- Die nächste Eskalationsstufe, die von Personen aus dem Awiro-Umfeld gefahren wurde und vom Awiro-Plenum zumindest toleriert wurde, waren öffentlich, u.a. auf dem Plenum artikulierte, konkrete Gewaltandrohungen gegen die am Projekt „Kritische Provinz“ beteiligten Personen. Widersprochen wurde diesen Drohungen von keiner Seite.
Auch dieses Phänomen passt exakt zur bereits erfolgten Degradierung zum Feindbild. Nun, da wir angeblich zu den Feinden / Faschisten / Anti-Antifas zu rechnen sind, müssen wir offenbar auch genau so bekämpft werden: mit Fäusten statt mit Argumenten.

- Eine Drohung anderer Art, die neben den Gewaltandrohungen eher harmlos wirkt, allerdings ebenso bezeichnend und symptomatisch für die autoritären Bedürfnisse dieser „radikalen Linken“ ist, war der ernsthafte Versuch lebenslängliche Hausverbote gegen drei konkrete Personen in den Räumlichkeiten des Awiro e.V. sowie in allen weiteren linken Lokalitäten innerhalb von Mecklenburg-Vorpommern (!) auszusprechen. Bevor es zum ersten Versuch kam, diese Verbote auf einem Plenum offiziell wirksam werden zu lassen, wurde bezeichnender Weise kein Kontakt mit uns gesucht, um die Dinge etwa zu klären. Wir selbst erfuhren erst nach besagtem Plenum, dass es diese Hausverbotspläne gab. Die Hausverbote konnten auf diesem ersten Plenum allerdings noch nicht durchgesetzt werden, da dagegen ein Veto eingelegt wurde. Als sich dann bis zum nächsten Plenum herausstellte, dass eine der verdächtigten Person nie bei Kritische Provinz aktiv gewesen ist und eine weitere bereits nicht mehr aktiv war, wurde auch gegen die dritte kein Hausverbot mehr ausgesprochen. Das allerdings nicht, weil man gemerkt hätte, dass man sich eigentlich nie sicher war, wer zum Projekt zu zählen ist oder gar weil ein solches Verbot niemals begründet rechtfertigt werden könnte, sondern weil man nun einem Gerücht zufolge zu wissen glaubte, dass die Person sowieso bald nicht mehr in Rostock wohnen würde – und somit das Strafbedürfnis offenbar nicht mehr ausreichend befriedigt würde.

- Laut neuesten Szenegerüchten – die Rostocker Szene steht, was das Plaudern und Tratschen betrifft, wohl keinem einzigen Dorf in MV nach – existiert nun wohl die wahnsinnige Absicht, der Person, von der man vermutet sie würde bald in eine andere Stadt umziehen, nachzustellen und die Strukturen in der mutmaßlichen Stadt vorzuwarnen und die Person als gefährlich für jede Szene zu denunzieren, damit sie dort von Anfang an unter Generalverdacht steht und keine politische Arbeit machen kann.

Die genannten Beispiele sprechen Bände und bedürfen wohl kaum weiter kommentiert zu werden. In dem beschriebenen Teil der Rostocker Linken (Awiro und Umfeld) herrscht offenbar ein totaler Ausfall von Reflexion. Es wird mit Gewalt gedroht, die man bis vor kurzem nur gegen Nazis einzusetzen wusste, es werden Personen aus unserem Projekt persönlich beleidigt und ihnen gedroht. Darüber hinaus soll nun einer konkreten Person bis in andere Städte nachgestellt werden. Unsere einzige Erklärung für all diese Vorkommnisse, mit denen sich Rostocks Linke selber zum Feind der Emanzipation des Einzelnen macht, ist Angst: Angst davor, dass sich die inzestuöse Kleinfamilie „Szene“ auseinanderfallen und sich zergliedern könnte. Daher wird auf die uneingeschränkte Einheit, auf den Konsens gepocht. Die Zensur, so wie im Fall des Infoladens, oder eben der komplette Ausschluss bis hin zur Androhung von körperlicher Gewalt, so wie hinreichend beschrieben, folgt dabei dem Prinzip der Machterhaltung. In unserem anderen bereits erwähnten Text schrieben wir dazu folgende, passende Zeilen: „Das Kritische darf nicht ausgesprochen werden, weil man weiß, dass es wahr ist und daher Sprengkraft besitzt. Der offene Widerspruch und selbst der kleinste Dissens, eigentlich Kraftquelle von Emanzipation, wird als Angriff auf diese verstanden, da man bereits an das eigenst in die Welt gesetzte Märchen vom Vorreiter radikaler Politik glaubt. So schlägt die eigene Rolle dialektisch um und die, die sich als Avantgarde der Emanzipation glaubten, wirken selber verstärkend am Bann mit.“
Auch wenn wir es uns anders wünschen würden: Zumindest diesem Teil der Rostocker Linken ist wohl tatsächlich nicht mehr zu helfen. Dagegen werden auch die wenigen Einzelnen nichts fundamentales ausrichten können, die sich noch so etwas wie Restvernunft bewahrt haben und sich in dieser Szene bewegen, um zivilisierend auf die einzuwirken. Allerdings wurden wir in unserem Anliegen auch wieder einmal bestärkt. Es ist und bleibt absolut notwendig gegen die autoritären Bedürfnisse der hiesigen Linke zumindest diskursiv zu intervenieren.

  1. Vgl. hierzu auch einen weiteren Artikel von uns in der aktuellen, dritten Ausgabe der Keep Dancing. [zurück]
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Von der neusten Provinzposse eines linken Projektes http://kritischeprovinz.blogsport.de/2013/02/13/von-der-neusten-provinzposse-eines-linken-projektes/ http://kritischeprovinz.blogsport.de/2013/02/13/von-der-neusten-provinzposse-eines-linken-projektes/#comments Wed, 13 Feb 2013 15:59:56 +0000 kritische_r Prof Allgemein Kritik Einzelmeinungen & Gastbeiträge http://kritischeprovinz.blogsport.de/2013/02/13/von-der-neusten-provinzposse-eines-linken-projektes/ Vor kurzem lag im Median ein Fragebogen aus, worauf stand: „Wir wollen das neue Jahr nutzen um mal zu hören, was ihr vom Awiro haltet und was wir vielleicht verbessern könnten.“ Das Awiro zeigt sich also kritikfähig und offen für Veränderungen. Auf die Bedürfnisse des Einzelnen soll irgendwie geachtet werden, es soll die Möglichkeit zur Meinungsäußerung, vielleicht sogar zum indirekten Mitgestalten eingeräumt werden; Basisdemokratie – all das schwingt bei dem Fragebogen mit. „Hört sich doch gut an“, könnte man da denken. Wer den Awiro und / oder seine dazugehörige Kneipe kennt, der kann bei der Lektüre des Fragebogens hingegen eher skeptisch werden.
Ich für meinen Teil bin mir nicht sicher, ob dieser neuste Rostocker Provinzstreich dazu dienen soll, diejenigen Leute, die sich seit Jahren vergeblich für Reformen innerhalb des Awiro e.V. bzw. der Kneipe „Median“ einsetzen, zu verspotten oder ob er lediglich Ausdruck der bornierten Ignoranz und Dummheit der Projektleiter_innen ist. So oder so bleibt der Fragebogen und das dahinterstehende, angebliche Anliegen eine Farce. Seit Jahren wird Kritik am Awiro/Median tot geredet, werden die Bedürfnisse von verschiedensten Seiten, die auch immer wieder an das Plenum herangetragen wurden, stets ignoriert. Leute die versuchten zu intervenieren und das Anliegen Einzelner zu vertreten, wurden nicht nur Steine in den Weg gelegt, sie wurden darüber hinaus teilweise offen angefeindet – von subtileren Kommunikationsformen, die den Kritiker_innen vermitteln „du bist hier nicht (mehr) erwünscht“, einmal ganz zu schweigen.
Würden die Verwalter_innen dieses „linken Projektes“ es mit dem Fragebogen ernst meinen und wären wirklich interessiert an den Wünschen und der Kritik aller (potentiellen) Besucher_innen, hätten sie lediglich die letzten Jahre zuhören und die Kritik ernst nehmen müssen. Allerdings wäre das Median dann wohl nicht mehr das, was er heute ist: ein verranzter, überwiegend von jungen Männern besuchter, ver*auchter1 und alles in allem recht apolitischer Antifa-Hooligan-Szeneschuppen, der einem autonom-alternativen Lifestyle-Spektrum einen Ort zum besaufen bietet.
Zwar kann das Awiro nicht auf das Median reduziert werden und natürlich gibt es da ja auch noch den Infoladen, der seit geraumer Zeit nicht mehr betrieben wird, irgend einen Raum, den mal jemand „Fahrradwerkstadt“ genannt hat, ein paar Wohnungen (sog. „Wohnprojekt“) und nicht zu vergessen einem Proberaum, wo sogar tatsächlich manchmal Musik heraustönt.
Alles in allem kann der Fragebogen wohl eher als öffentlich vorgetäuschtes Alibi der Kompromissbereitschaft und Kritikfähigkeit zur Erhaltung des linken Selbstverständnisses, statt als ernsthafter Gesinnungswandel verstanden werden.
Wie auch immer. So oder so bleibt es ein Schlag ins Gesicht für die Leute, die bereits immer wieder vergeblich versucht haben, das Awiro/Median irgendwie positiv zu verändern und an der Borniertheit und geistigen Festgefahrenheit der Projekt-Verwalter_innen scheiterten. Um nur zwei konkrete Beispiele zu nennen: Bis heute muss sich der Grrrlz DaIY (ein Tag im Monat im Median ohne Macker) für seine Existenz rechtfertigen bzw. wird immer mal wieder mit fadenscheinigen Argumenten versucht zu verhindert oder sogar endgültig aus den Räumlichkeiten des Awiro zu verweisen. Ein anderes Beispiel ist die Barrierefreiheit. Vor bereits über eineinhalb Jahren wurde gegen großen Widerstand ein lächerlicher „*auchfreier Mittwoch“2 eingeführt, hervorgegangen aus einem außerordentlichen Plenum, auf dem das Thema „*auch“ im Median ausführlich diskutiert wurde. Zwar hatte man wie beim Grrrlz DaIY keine inhaltlichen Gegenargumente, dafür jedoch jede Menge Vorwände und schließlich das berühmte Veto, gegen welches in einem konsensualen Entscheidungsfindungsprozess, wie in derartigen „linken Projekten“ üblich, nichts weiter unternommen werden kann. Statt das Median *auchfrei zu gestalten, wurde ein *auchfreier Mittwoch eingeführt, der dann regelmäßig (u.a. von Personen, denen Beschlüsse des Plenums, die den eigenen Ansichten entsprechen, heilig sind) ignoriert wurde, bis er wieder gänzlich abgeschafft wurde.
Es entbehrt nicht einer zusätzlichen Zynik, dass Denjenigen, die das Median bereits meiden, die „Stimmabgabe“ auf dem Fragebogen erschwert wird. Wer den Ort meidet, weil er_sie sich dort unwohl fühlt (Gründe gibt es genug), soll seine Kritik auch lieber gleich für sich behalten: „Die Beantwortung soll aber auf den bereitliegenden Zetteln am Tresen erfolgen. Schickt uns eure Antworten bitte nicht per Mail oder bei Facebook.“
Mir persönlich ist mittlerweile so vieles an diesem „linken Projekt“ zuwider, dass ich nicht mal weiß, mit welchen Punkten ich anfangen sollte, angenommen ich würde den Fragebogen ausfüllen wollen. Allerdings kann man sich den Gang ins Median in diesem Fall wohl genau so sehr ersparen, wie den Gang am Sonntag zur Wahlurne – und eigentlich weiß es jeder: es wird nichts bringen. Es wurde alles bereits versucht, die Missstände sind bekannt. Es gibt nichts mehr zu diskutieren oder zu versuchen. Hoffnung besteht für Rostocks wichtigsten Antifa-Szene-Treff nur insofern, dass irgendwann vielleicht eine fortschrittlichere Generation das Ruder im Awiro in die Hand nehmen wird. Bis dahin wird jedoch noch einige Zeit vergehen. Und so bleibt nur wenigstens die dreistesten Dummheiten zu denunzieren.

  1. Aus szene-rechtlichen Gründen muss ich an dieser Stelle zum Zensurstift greifen und kann das Wort nicht ausschreiben. [zurück]
  2. Auch hier sei nochmals ausdrücklich darauf hingewiesen, dass nicht etwa „Rauch“ gemein sein muss. Auch könnte durchaus „bauchfreier Mittwoch“ gemeint sein. [zurück]
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Politische Ökonomie des Antisemitismus http://kritischeprovinz.blogsport.de/2012/12/13/politische-oekonomie-des-antisemitismus-mitschnitt/ http://kritischeprovinz.blogsport.de/2012/12/13/politische-oekonomie-des-antisemitismus-mitschnitt/#comments Thu, 13 Dec 2012 19:57:26 +0000 Kritische Provinz Allgemein Kritik Einzelmeinungen & Gastbeiträge Vortrag http://kritischeprovinz.blogsport.de/2012/12/13/politische-oekonomie-des-antisemitismus-mitschnitt/ Hier der Mitschnitt des Vortrags „Politische Ökonomie des Antisemitismus“ von Stephan Grigat gehalten am 24.11.2012 in Rostock: https://www.youtube.com/watch?v=3k6LB4H9aMQ

Der Vortrag wurde im Rahmen einer Vortragsreihe gehalten.
Hier gehts zur Veranstaltungsbeschreibung.

Viel Spaß beim hören!

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Psychoanalyse des Antisemitismus http://kritischeprovinz.blogsport.de/2012/12/13/psychoanalyse-des-antisemitismus-mitschnitt/ http://kritischeprovinz.blogsport.de/2012/12/13/psychoanalyse-des-antisemitismus-mitschnitt/#comments Thu, 13 Dec 2012 18:20:39 +0000 Kritische Provinz Allgemein Kritik Einzelmeinungen & Gastbeiträge Vortrag http://kritischeprovinz.blogsport.de/2012/12/13/psychoanalyse-des-antisemitismus-mitschnitt/ Hier der Mitschnitt des Vortrags „Psychoanalyse des Antisemitismus“ von Felix Riedel gehalten am 07.11.2012 in Rostock.

https://www.youtube.com/watch?v=Rn04QaGcOhw

Der Referent ist aktuell Promovend der Ethnologie. Der aktuelle Wissenschaftsbetrieb beinhaltet Ausbeutung und jahrelange Arbeit ohne Entgelt. Dieser Vortrag ist auch ein Produkt dieser paradoxen akademischen Produktionsverhältnisse. Wenn ihnen der Vortrag, den sie kostenfrei konsumieren dürfen, gefallen hat, überlegen sie doch, den Referenten gegen ein Äquivalent einzuladen oder erwägen sie eine Spende an das Projekt: Hilfe für Hexenjagdflüchtlinge: gushiegu.wordpress.com.

Der Vortrag wurde im Rahmen einer Vortragsreihe gehalten.
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Ein moderner islamischer Antisemitismus? Der Fall Iran (27.11.2012) http://kritischeprovinz.blogsport.de/2012/11/03/ein-moderner-islamischer-antisemitismus-der-fall-iran-27-11-2012/ http://kritischeprovinz.blogsport.de/2012/11/03/ein-moderner-islamischer-antisemitismus-der-fall-iran-27-11-2012/#comments Sat, 03 Nov 2012 15:49:15 +0000 Kritische Provinz Allgemein Vortrag http://kritischeprovinz.blogsport.de/2012/11/03/ein-moderner-islamischer-antisemitismus-der-fall-iran-27-11-2012/ Das Thema islamischer Antisemitismus soll am Beispiel der islamischen Republik Iran diskutiert werden, zu deren auffälligen Merkmalen ein aggressiver, staatlich protegierter Antisemitismus zählt. Holocaustleugnung und Vernichtungsdrohungen gegen Israel werden nicht erst mit dem Amtsantritt Mahmud Ahmadinedschads öffentlich ausgesprochen. Gegenstand des Vortrages soll eine Analyse gängiger Imaginationen und Vorstellungen von Juden und Jüdinnen im islamischen Antisemitismus und die Frage von dessen Genese sein. Viele Figuren des modernen westlichen Antisemitismus, aber auch Elemente des längst vergessen geglaubten christlichen Antijudaismus, zirkulieren heute in iranischen Diskursen. Dort werden sie angeeignet, mit religiösen Vorstellungen verwoben und für Zwecke islamischer Gemeinschaftsbildung und Abgrenzung vom Westen in Dienst genommen. Wie können Antisemitismus, religiöse Tradition, Moderne und Abgrenzung zum Westen aufeinander bezogen werden?

Diesen Fragen wird die Referentin Ulrike Marz in ihrem Vortrag nachgehen. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Rostocker Institut für Soziologie und Demographie und beschäftigt sich schwerpuntmäßig mit Kritischer Theorie und Antisemitismus.

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Der Vortrag wird am 27.11.2012 im Haus Böll stattfinden. Beginn ist um 19:00 Uhr.

Diese Veranstaltung findet im Rahmen einer kleinen Veranstaltungsreihe zur Analyse des Antisemitismus statt. Ein Überblick und mit weiteren Informationen zu den anderen Veranstaltungen finden sich hier: http://kritischeprovinz.blogsport.de/2012/10/24/ankuendigung-veranstaltungsreihe-antisemitismus/

Hier kommt ihr zum Ankündigungs-Flyer der Veranstaltungsreihe:
Flyer

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Politische Ökonomie des Antisemitismus (24.11.2012) http://kritischeprovinz.blogsport.de/2012/11/01/politische-oekonomie-des-antisemitismus-24-11-2012/ http://kritischeprovinz.blogsport.de/2012/11/01/politische-oekonomie-des-antisemitismus-24-11-2012/#comments Wed, 31 Oct 2012 23:51:29 +0000 Kritische Provinz Allgemein Vortrag http://kritischeprovinz.blogsport.de/2012/11/01/politische-oekonomie-des-antisemitismus-24-11-2012/ Judenhass und falsche Gesellschaft. Über den Zusammenhang von Kritik der politischen Ökonomie und Antisemitismuskritik

Soll der Antisemitismus nicht als ein bloßes Vorurteil verharmlost, sondern im ideologiekritischen Sinne als wahnhafte Projektion dechiffriert werden, so gilt es, sich den Begriff der „antisemitischen Gesellschaft“ zu vergegenwärtigen, der von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer entwickelt wurde. Was sind die gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen die beschädigten Subjekte sich immer wieder für das Ausagieren des antisemitischen Hasses entscheiden? Und inwiefern kann angesichts eines fremdbestimmten gesellschaftlichen Daseins überhaupt von einer freien Entscheidung gesprochen werden?

Stephan Grigat* wird in seinem Vortrag die These vertreten, dass für eine sinnvolle Kritik des Antisemitismus ein Rückgriff auf die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie zwingend erforderlich ist. Davon ausgehend soll gezeigt werden, wie sich traditionelle antisemitische Ressentiments in einer Art geopolitischen Reproduktion aktuell insbesondere im Hass auf Israel artikulieren.

*Stephan Grigat ist Lehrbeauftragter für Politikwissenschaft an der Universität Wien, war Forschungsstipendiat in Tel Aviv und arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter des Bündnisses STOP THE BOMB. Er ist Autor von Fetisch & Freiheit. Über die Rezeption der Marschen Fetischkritik, die Emanzipation von Staat und Kapital und die Kritik des Antisemitismus (ça ira 2007), Mitherausgeber von Iran im Weltsystem. Bündnisses des Regimes und Perspektiven der Freiheitsbewegung (Studienverlag 2010) und Herausgeber von Postnazismus revisited. Das Nachleben des Nationalsozialismus im 21. Jahrhundert (ça ira 2012).

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Der Vortrag wird am 24.11.2012 auf dem Universitäts-Campus Ulmenstraße 69 (in Haus 1, R 022) stattfinden. Beginn ist um 19:00 Uhr.

Diese Veranstaltung findet im Rahmen einer kleinen Veranstaltungsreihe zur Analyse des Antisemitismus statt. Ein Überblick und mit weiteren Informationen zu den anderen Veranstaltungen finden sich hier: http://kritischeprovinz.blogsport.de/2012/10/24/ankuendigung-veranstaltungsreihe-antisemitismus/

Hier kommt ihr zum Ankündigungs-Flyer der Veranstaltungsreihe:
Flyer

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Psychoanalyse des Antisemitismus (07.11.2012) http://kritischeprovinz.blogsport.de/2012/10/29/psychoanalyse-des-antisemitismus-07-11-2012/ http://kritischeprovinz.blogsport.de/2012/10/29/psychoanalyse-des-antisemitismus-07-11-2012/#comments Mon, 29 Oct 2012 17:44:28 +0000 Kritische Provinz Allgemein Vortrag http://kritischeprovinz.blogsport.de/2012/10/29/psychoanalyse-des-antisemitismus-07-11-2012/ Die kritische Dimension der Psychoanalyse erwächst wesentlich aus ihrer Perspektive vom Individuum auf die Gesellschaft und zurück. Die Ableitung von Pathologien aus fast unvermeidlichen Traumata der frühen Kindheit ist der Kernbestand, um den Antisemitismus einer angemessenen Kritik zu unterziehen. Nur so lässt sich sein historisches Alter, seine gleichzeitige Flexibilität und Starrheit erklären – aus seinem Angebot an sehr frühe, quasi überhistorische intrapsychische Konfliktkonstellationen, die in jeweils unterschiedlichen gesellschaftlichen Bedingungen umgeformt und beeinflusst, aber nicht durch diese erst erzeugt werden müssen.

Für Freud selbst war der Antisemitismus die offene Frage seiner letzten großen Publikation, dem „Mann Moses“. Neben einer radikalen Religionskritik am Beispiel der jüdischen versuchte Freud die Permanenz des antisemitischen Ressentiments in zwei Bereichen zu fassen: Einmal auf Grundlage des Kastrationskomplexes und einmal unter Annahme einer ödipalen Grundstruktur des Antisemitismus: in jenem Diktum von den Christen als schlecht getaufte Heiden. Beide Vorschläge sind überarbeitungsbedürftige Fragmente geblieben. Die heilige Allianz von Narzissmus und Antisemitismus in der christlichen Religion wurde von Grunberger/Dessuant analysiert: Für diese stellt der Narzissmus als eigene Instanz den Antisemitismus auf. Adorno schließlich beschrieb den Phänotyp des autoritären Charakters, mit Horkheimer entstanden Fragmente einer Analyse in den „Elementen des Antisemitismus“. Beide basieren auf dem Konzept der „pathischen Projektion“.

Die zentralen Differenzen der psychoanalytischen und sozialpsychologischen Erklärungsversuche, ihre Aktualität und kritische Relevanz werden im Vortrag von Felix Riedel* zur Diskussion gestellt. Als Anschauungsmaterial werden zwei antisemitische Medienproduktionen der letzten Jahre analysiert.

*Felix Riedel ist Ethnologe und publizierte unter anderem zu strukturellen Ähnlichkeiten und Differenzen von Antisemitismus und modernen Hexenjagden. Seit 2006 analysiert er auf nichtidentisches.wordpress.com gesellschaftliche Phänomene und Filme.

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Der Vortrag wird am 07.11.2012 im Peter-Weiss-Haus stattfinden. Beginn ist um 20:00 Uhr.

Diese Veranstaltung findet im Rahmen einer kleinen Veranstaltungsreihe zur Analyse des Antisemitismus statt. Ein Überblick und mit weiteren Informationen zu den anderen Veranstaltungen finden sich hier: kritischeprovinz.blogsport.de/2012/10/24/ankuendigung-veranstaltungsreihe-antisemitismus/

Hier kommt ihr zum Ankündigungs-Flyer der Veranstaltungsreihe:
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Ankündigung für November: Veranstaltungsreihe Antisemitismus http://kritischeprovinz.blogsport.de/2012/10/24/ankuendigung-veranstaltungsreihe-antisemitismus/ http://kritischeprovinz.blogsport.de/2012/10/24/ankuendigung-veranstaltungsreihe-antisemitismus/#comments Wed, 24 Oct 2012 14:38:39 +0000 Kritische Provinz Allgemein Vortrag http://kritischeprovinz.blogsport.de/2012/10/24/ankuendigung-veranstaltungsreihe-antisemitismus/ Dieses Jahr im November werden wir in Rostock eine kleine Veranstaltungsreihe zum Thema „Antisemitismus“ durchführen. Dabei soll der Versuch unternommen werden zu möglichen Ursachen und Funktionsweisen der antijüdischen Ieologie theoretisch-analytisch vorzudringen. Die Frage, was ein antisemitisches Weltbild im Innersten zusammenhält, steht also im Mittelpunkt und erscheint in Zeiten von grassierendem Hass auf Israel in großen deutschen Tageszeitungen sowie nicht selten antisemitisch motivierten Beiträgen zur Beschneidungsdebatte, weiterhin unbedingt notwendig, gestellt zu werden.
Geplant sind die folgenden Vorträge:

07.11.2012 Psychoanalyse des Antisemitismus
Referent: Felix Riedel (Marburg)
Ort: Peter-Weiss-Haus
Beginn: 20:00 Uhr
Hier gehts zur detaillierten Veranstaltungsbeschreibung

24.11.2012 Politische Ökonomie des Antisemitismus
Referent: Stefan Grigat (Wien)
Ort: Universitäts-Campus Ulmenstraße 69, Haus 1, R 022
Beginn: 19:00 Uhr
Hier gehts zur detaillierten Veranstaltungsbeschreibung

27.11.2012 Ein moderner islamischer Antisemitismus? Der Fall Iran
Referentin: Ulrike Marz (Rostock)
Ort: Haus Böll
Beginn: 19:00 Uhr
Hier gehts zur detaillierten Veranstaltungsbeschreibung

Die Veranstaltungsreihe findet statt im Rahmen der bundesweiten Aktionswochen gegen Antisemitismus 2012 der Amadeu Antonio Stiftung.
Uhrzeiten, sowie detaillierte Veranstaltungsbeschreibungen folgen in den nächsten Tagen.

Hier kommt ihr zum Ankündigungs-Flyer der Veranstaltungsreihe:
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Flüstern und Schreien – und Maul halten http://kritischeprovinz.blogsport.de/2012/10/12/fluestern-und-schreien-und-maul-halten/ http://kritischeprovinz.blogsport.de/2012/10/12/fluestern-und-schreien-und-maul-halten/#comments Fri, 12 Oct 2012 17:27:18 +0000 Kritische Provinz Allgemein Kritik http://kritischeprovinz.blogsport.de/2012/10/12/fluestern-und-schreien-und-maul-halten/ Dieser Text ist eine Reaktion auf das aktuell ausgesprochene Verbot, die neue Ausgabe der Rostocker Zeitschrift „Keep Dancing“ im Rostocker Infoladen „Flüstern & Schreien“ vorerst nicht auslegen und verbreiten zu dürfen. Als einzige Begründung dafür wurde unser Gastbeitrag „Thesen zur radikalen Linken in Rostock und Umgebung“ in eben jenem Heft angeführt. Damit sich jede_r ein komplettes Bild machen kann, haben wir die Thesen heute ebenfalls auf diesem Blog veröffentlicht.

Flüstern und Schreien – und Maul halten

Nachdem der Infoladen „Flüstern & Schreien“ aus Rostock beschlossen hat, die eigenen Räumlichkeiten von kritischen Gedanken rein zu halten und ein Verbot gegen das Verteilen und Auslegen der neuen Ausgabe des Zines „Keep Dancing“ auszusprechen, kann man sich schon fragen, wem dieser Infoladen denn eigentlich gehört. Ist ansonsten immer die Rede von kollektiven linken Orten, Freiräumen für alle1 oder auch von Basisdemokratie und Autonomie, muss auf Grund solcher Ereignisse immer wieder Gegenteiliges festgestellt werden: die Hausmeisterei, die sich an solchen Orten oftmals breit gemacht hat, hat meist nichts mehr mit den selbst gesteckten Ansprüchen, falls es diese jemals ernsthaft gab, zu tun. Kleine Eliten und Cliquen sind an der Macht, bestimmen wo es lang geht. Wittern diese abweichendes, nonkonformes Verhalten, drängt es sie zum Denk- und Sprechverbot, zur Zensur, um ihr mühsam aufgebautes Machtgefüge aufrecht zu erhalten, jeden freien Gedanken im Keim zu ersticken. Die Zensur als Mittel der Machterhaltung folgt dabei einem einfachen Prinzip: das Kritische darf nicht ausgesprochen werden, weil man weiß, dass es wahr ist und daher Sprengkraft besitzt. Der offene Widerspruch und selbst der kleinste Dissens, eigentlich Kraftquelle von Emanzipation, wird als Angriff auf diese verstanden, da man bereits an das eigenst in die Welt gesetzte Märchen vom Vorreiter radikaler Politik glaubt. So schlägt die eigene Rolle dialektisch um und die, die sich als Avantgarde der Emanzipation glaubten, wirken selber verstärkend am Bann mit.

Allgemeingültiger hat dies bereits Adorno an anderer Stelle formuliert: „Wie in den Anti-Autoritären Autorität fortwest, so staffieren sie ihre negativ besetzten imagines mit den traditionellen Führerqualitäten aus und werden unruhig, sobald sie anders sind, nicht dem entsprechen, was die Anti-Autoritären insgeheim doch von Autoritäten begehren. Die am heftigsten protestieren, gleichen den autoritätsgebundenen Charakteren in der Abwehr von Introspektion; wo sie sich mit sich beschäftigen, geschieht es kritiklos, richtet sich ungebrochen, aggressiv nach außen. Die eigene Relevanz überschätzen sie narzißtisch, ohne zureichenden Sinn für Proportionen. Ihre Bedürfnisse installieren sie unmittelbar, etwa unter dem Schlagwort »Lernprozesse«, als Maß von Praxis; für die dialektische Kategorie der Entäußerung blieb bislang wenig Raum. Sie verdinglichen die eigene Psychologie und erwarten von jenen, die ihnen gegenübertreten, verdinglichtes Bewußtsein. Eigentlich tabuieren sie Erfahrung und werden allergisch, sobald etwas an diese sie gemahnt.“2

Da nicht darüber geredet werden darf, was nicht zur Debatte stehen soll, der linke Status Quo, wird ein Verbot verhängt. Alleine weil sich das linke Verwaltungspersonal aus der linken Masse rekrutiert, glauben beide, dass das schon legitime Herrschaft wäre. Das Verbot ist damit rechtskräftig und ebenso unhinterfragbar wie das, was es als Mittel versucht unhinterfragbar zu machen. Es ist also kein Zufall, dass einer anderen, abweichenden Meinung nichts Inhaltliches entgegengesetzt wird, dass nicht das bessere Argument am Ende zählen soll.
Aber nicht nur das. Auch allen anderen soll durch die Zensur die Möglichkeit genommen werden, sich mit dem Abweichenden auseinanderzusetzen. Hier tritt der autoritäre Charakter der Hausmeister_innen abermals, vielleicht noch deutlicher zu Tage. Der Dissens wird als gefährlich für den Frieden der linken Großfamilie verstanden, durch das vorauseilende Verbot der_die potentielle Leser_in entmündigt und für diese_n (vor)gedacht und (vor)sortiert. Mit letztlich repressiven Mitteln wird also versucht den Laden zusammenzuhalten, wird ein Zwang zur Einheit geschaffen, den man zynisch „Solidarität“ nennt.

Hierzu abermals Adorno: „Der Einzelne soll sich ans Kollektiv zedieren; zum Lohn dafür, daß er in den melting pot springe, wird ihm die Gnadenwahl der Zugehörigkeit verheißen. […] Mit hundert Sophismen wird verteidigt, mit hundert Mitteln moralischen Drucks den Adepten eingeprägt, man werde durch Verzicht auf eigene Vernunft und eigenes Urteil höherer, eben kollektiver Vernunft teilhaftig, während man doch, um die Wahrheit zu erkennen, jener unabdingbar individuierten Vernunft bedürfte, von der einem eingehämmert wird, sie sei überholt und, was sie etwa anzumelden habe, von der allemal überlegenen Weisheit der Genossen längst widerlegt und erledigt.“3

Vermutlich resultiert das reflexhafte Verbot aber auch aus dem Leiden an der blockierten Realität und der dumpfen Ahnung über die eigene Ohnmacht und schlimmer noch: das eigene Zutun. Sie wird zur Wut auf diejenigen, die das Unbequeme aussprechen – das was jeder wissen könnte, jedoch nicht jeder wahrhaben will.

  1. Passend dazu auch ein Artikel aus der verbotenen Ausgabe Keep Dancing #2.72. [zurück]
  2. Adorno: Marginalien zu Theorie und Praxis. In: Gesammelte Schriften. Band 10.2. S. 774. [zurück]
  3. Ebd. S. 779. [zurück]
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